Es ist nicht das erste Mal, dass zu Krisenzeiten eine ganz bestimmte Forderung auf den Tisch kommt: Für zielgenaue Entlastungen bräuchte es Direktzahlungen – vom Staat direkt auf das Konto von Bürgerinnen und Bürgern, so die Idee. Schon während der Corona-Pandemie, später in der Energiekrise und nun angesichts der hohen Spritpreise sprachen und sprechen sich Ökonomen und Verbände dafür aus. Auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) schlug zuletzt Direktzahlungen vor. Stattdessen hat sich die Bundesregierung vergangene Woche erneut auf einen Tankrabatt und einen Spritpreisdeckel geeinigt. Dabei dürfte es wohl technisch kein Problem sein.
Finanzministerium hat technische Lösung entwickelt
Denn: Bereits im März 2025 hatte das Bundesfinanzministerium einen Erfolg gemeldet. In einem Projekt habe man den DAM – kurz für Direktauszahlungsmechanismus – erfolgreich entwickelt. Im Monatsbericht [externer Link] des Finanzministeriums hieß es damals: „Mit diesem ist es künftig möglich, antragsbasiert schnelle und gegebenenfalls zielgerichtete, unbürokratische und sichere Auszahlungen an Privatpersonen vorzunehmen, die mit erstem Wohnsitz in Deutschland gemeldet sind.“
An einer Rechtsgrundlage für Direktzahlungen scheitert das Instrument auch nicht mehr. Der Bund hat das Bundeszentralamt für Steuern als Direktauszahlungsbehörde ermächtigt. Damit tatsächlich Geld fließen kann, muss der Gesetzgeber allerdings jeweils eine konkrete Leistung beschließen.
Das Problem: Kontonummern fehlen
Trotzdem kam das Instrument bislang nicht zum Einsatz. Das könnte an fehlenden Kontonummern liegen, zeigt eine kleine Anfrage [externer Link] der Grünen Bundestagsfraktion. Im Mai 2026 wollten sich einige Abgeordnete über den aktuellen Stand des DAM informieren. Die Antwort: Es sind zwar 85,9 Millionen Steuer-Identifikationsnummern von Menschen mit Hauptwohnsitz in Deutschland beim Bundeszentralamt für Steuern gespeichert. Eine Kontoverbindung liegt jedoch nur für rund 16 Millionen Personen vor. Damit verfügt der Staat aktuell nur für knapp jeden Fünften über die Kontodaten.
Das liegt auch daran, dass Erwachsene ihre Kontoverbindung aktiv hinterlegen müssen. Möglich ist das über die eigene Bank, über Elster oder über das Onlineportal des Bundeszentralamts für Steuern.
Sozialverband: Entlastung für Menschen, die sie benötigen
Kompliziert wird es auch bei der Frage, wer überhaupt entlastet werden soll. Hermann Imhof, stellvertretender Landesvorsitzender des VdK Bayern verweist darauf, dass Tankkosten bei Menschen mit niedrigen Einkommen einen deutlich größeren Anteil der Gesamtausgaben ausmachen. „Allen die gleiche Entlastung zukommen zu lassen, ist daher aus sozialpolitischer Sicht ungerecht“, so Imhof.
Der VdK fordert deshalb sozial gestaffelte Direktzahlungen. „Statt pauschaler Maßnahmen fordern wir zielgenaue Entlastungen, die direkt bei den Menschen ankommen, die sie am meisten benötigen“, sagt Imhof. Doch auch hier gerät das Finanzministerium an seine Grenzen: Für eine Verknüpfung von Einkommensdaten mit der Steuer-ID wären nach Angaben der Bundesregierung zusätzliche Schnittstellen erforderlich.
Wo die Angaben nicht vollständig sind, könnte man zur Registrierung auffordern, schlägt Andreas Peichl vor. Er ist Leiter des Münchner ifo Zentrums für Finanzwissenschaft. Und sagt weiter: „Ein Problem ist vermutlich der fehlende Wille zur Datenverknüpfung und/oder die Komplexität der Verwaltungsstrukturen mit unterschiedlichen Zuständigkeiten im Föderalismus.“
Ökonom: Direktzahlungen wären günstiger als Tankrabatt
Auch mit Blick auf den Bundeshaushalt hätten Direktzahlungen laut dem Wirtschaftsweisen Gabriel Felbermayr Vorteile. Im Deutschlandfunk [externer Link] rechnete er vergangene Woche vor, dass eine Wiederholung des Tankrabatts den Staat etwa zehn Milliarden Euro kosten würde. Würde stattdessen gezielt an zehn Millionen besonders betroffene Menschen jeweils 100 Euro ausgezahlt, lägen die Kosten bei rund einer Milliarde Euro. „Eine Direktzahlung ist wirklich um vieles günstiger für den Haushalt, als wenn man pauschal über einen Tankrabatt ginge“, so Felbermayr.
In Österreich klappen Direktzahlungen
Ein Blick nach Österreich zeigt zudem, dass Direktzahlungen nicht zwingend an einem fehlenden Bankkonto scheitern müssen. Dort hat die Regierung bereits 2022 einen Klima- und Antiteuerungsbonus in Höhe von 500 Euro ausbezahlt. Wer keine Kontoverbindung angegeben hatte oder über kein eigenes Konto verfügte, erhielt die Leistung stattdessen per Gutschein per Post.
Die Bundesregierung entschied sich dennoch für die Entlastung an der Zapfsäule. Ein Grund: Der Tankrabatt lässt sich sofort umsetzen. Ab 1. Oktober soll er gelten.

