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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wirtschaft > Mehr Insolvenzen: Pleitewelle oder unglückliche Einzelfälle?
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Mehr Insolvenzen: Pleitewelle oder unglückliche Einzelfälle?

Christin Freitag
Zuletzt aktualisert 9. August 2024 06:49
Von Christin Freitag
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5 min. Lesezeit
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Die Zahl der Firmenpleiten nimmt erneut zweistellig zu. Allein in Bayern waren es im vergangenen Jahr laut Statistischem Landesamt 2.527 neue Insolvenzverfahren. Das waren 26,7 Prozent mehr als im Vorjahr und ungefähr so viele wie 2019 vor Corona. Der bundesweite Trend bei Creditreform zeigt für 2024 erneut eine ähnliche Entwicklung. Im Schnitt wurden in den vergangenen Jahren rund 23.000 Unternehmen insolvent.

Inhaltsübersicht
Gegenbewegung bei Insolvenzen nach Rückgang von zwölf JahrenNie wieder so wenige Firmenpleiten wie in der Corona-PandemieWenn anhaltend hohe Kosten auf eine geringere Nachfrage treffenKomplizierte Gemengelage für angeschlagene UnternehmenViele bekannte Namen verschwinden plötzlich von der BildflächeStändiger Erneuerungsprozess beschleunigt durch DigitalisierungViele Unternehmer finden keine Nachfolger und geben aufImmer weniger Menschen in Deutschland wollen Unternehmer werden

Gegenbewegung bei Insolvenzen nach Rückgang von zwölf Jahren

Mit einem solchen Anstieg wie für 2024 vorhergesagt würden wir in Deutschland in etwa diesen langfristigen Durchschnitt erreichen. Zwischen 32.687 (2009) und 13.993 (2021) Firmenpleiten waren es in den vergangenen 15 Jahren.

Der Höhepunkt war nach der Finanzkrise von 2008, der Tiefpunkt in der Corona-Pandemie ab 2020, als die Wirtschaft eine Zeit lang teilweise eingefroren war durch die staatlichen Lockdowns.

Nie wieder so wenige Firmenpleiten wie in der Corona-Pandemie

Seit dem Ende der Corona-Hilfen gibt es wieder mehr Unternehmensinsolvenzen aus zahlreichen Gründen: Anfang 2022 löste der Ukraine-Krieg eine Energiekrise aus, im zweiten Halbjahr 2022 startete die Europäische Zentralbank dann eine beispiellose Serie von Zinserhöhungen gegen die hohe Inflation.

2023 kam auch noch eine kleine Rezession in Deutschland dazu. 2024 droht noch mehr Unternehmen auch in Bayern die Luft auszugehen, weil die Wirtschaft einfach nicht richtig in Schwung zu kommen scheint.

Wenn anhaltend hohe Kosten auf eine geringere Nachfrage treffen

Die Experten von Creditreform machen dafür die gestiegenen Kosten verantwortlich und die geringe Nachfrage auch bei Verbrauchern, die wieder mehr sparen. So stieg die private Sparquote zuletzt wie in Krisenzeiten auf 15 Prozent. So viel Geld von ihrem verfügbaren Einkommen halten die Konsumenten jeden Monat zurück, anstatt es auszugeben.

Komplizierte Gemengelage für angeschlagene Unternehmen

In ihrer Halbjahresbilanz 2024 berichtete Creditreform bundesweit von 11.000 Firmenpleiten in den ersten sechs Monaten, das war der höchste Stand seit fast zehn Jahren. Aber alarmierend ist das allein noch nicht. Denn die Zahl der Insolvenzen war zuvor jahrelang immer weiter zurückgegangen.

Dennoch gibt es eine bedenkliche Entwicklung: Es trifft mehr größere Firmen mit mehr als 200 Arbeitsplätzen. Dadurch wächst die Größe der Schäden bei Gläubigern wie Banken und Lieferanten und auch für die Steuerzahler. So zahlt der Staat in der Insolvenz die Löhne und Gehälter der Beschäftigten drei Monate lang weiter, in der Hoffnung auf eine erfolgreiche Sanierung.

Viele bekannte Namen verschwinden plötzlich von der Bildfläche

Die aktuelle Liste der Unternehmensinsolvenzen wird immer länger: Signa mit Galeria Karstadt und Kaufhof, FTI Touristik, der Modehändler Esprit, der Batteriehersteller Varta, die Deko-Kette Depot, Opti-Wohnwelt oder die Fotoläden von Studioline.

Daneben gibt es kleinere bayerische Brauereien mit viel Tradition oder ein Krankenhaus wie St. Josef in Schweinfurt, das Ende des Jahres mit 800 Mitarbeitern geschlossen wird.

Ständiger Erneuerungsprozess beschleunigt durch Digitalisierung

Sicher ist, dass die Digitalisierung die aktuelle Entwicklung beschleunigt. So macht der Onlinehandel viele stationäre Ladengeschäfte unrentabel. Einige Bereiche verändern sich grundlegend wie Gaming, Medien, Musik- oder die gesamte Elektronikbranche. Geschäftsmodelle veralten immer schneller.

Betriebe schließen deshalb, nur eben nicht zwingend mit einer Insolvenz. Die stellt einen komplizierten rechtlichen Ausgleich zwischen verschuldeten Unternehmen und ihren Gläubigern dar und damit eine Ausnahme. In der Regel läuft die Abwicklung wesentlich einfacher ab.

Viele Unternehmer finden keine Nachfolger und geben auf

Wichtig ist, dass die Zahl der stillen Geschäftsaufgaben ohne Insolvenzverfahren in etwa zehnmal so hoch ist. Das Insolvenzgeschehen bildet nur einen kleinen Teil dieser Veränderungen ab. Häufig fehlt es an Möglichkeiten, das Unternehmen in der nächsten Generation weiterzuführen. Einige Betriebe lassen sich auch nicht verkaufen. So werden im Einzelhandel und Handwerk viele Geschäfte einfach geschlossen.

Immer weniger Menschen in Deutschland wollen Unternehmer werden

Entscheidender als die schiere Zahl der Insolvenzen wäre es, dass ausreichend neue Unternehmen gegründet werden, damit die deutsche Wirtschaft in Zukunft wachsen kann. Viele Großunternehmen haben irgendwann einmal klein angefangen. Um dieses Gründungsgeschehen steht es nicht besonders gut, wie die staatliche KfW Mittelstandsbank schon seit längerem feststellt. So meldete etwa der Startupverband für Deutschland 2023 nur noch 2.500 Gründungen, die meisten davon in Berlin und in München. Insgesamt waren es aber fünf Prozent weniger als im Vorjahr.

Unterm Strich werden wesentlich mehr Firmen geschlossen als neue hinzukommen. Das gilt auch für Handwerksbetriebe und erst recht für die Landwirtschaft. Als Gründe werden mangelnde Risikobereitschaft und hohe bürokratische Hürden vor allem für Jungunternehmer genannt.

 

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Christin Freitag ist eine erfahrene Wirtschaftsjournalistin und Analystin, die sich auf Finanzmärkte, Unternehmensstrategien und Wirtschaftspolitik spezialisiert hat. Mit über 10 Jahren Erfahrung liefert sie fundierte Analysen und tiefgehende Einblicke für die Leser der WirtschaftsRundschau.
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