Wimpern, die sieben Tage halten, dazu Kleber und – das kündigt „Girl Got Lashes“ (GGL) in einem Video an – bald kommt die passende Reisetasche: Das Münchner Unternehmen bietet seine Produkte im TikTok-Shop an. Rund 65.000 Follower (Stand März 2026) hat das Unternehmen auf der Plattform; für Content-Creator gilt es nun, diese zu erreichen. Sie laden mehrmals die Woche zum „Live“ ein, einer Produktschau, bei der die Zuschauer in Echtzeit kommentieren können. Shopping auf TikTok ist Social Commerce: Gekauft wird, was andere mir sagen.
TikTok-Shop macht 700 Millionen Euro
„Es ist quasi Teleshopping auf dem Handy“, sagt Dara Kossok-Spies, Leiterin der Abteilung Digitalisierung und Netzpolitik beim Handelsverband Deutschland. Kein neues Konzept, aber ein wirksames: Ein Jahr nach dem Start belegt TikTok gemessen am Umsatz Platz 15 der Onlinehändler in Deutschland. Das haben Zahlen des Marktforschers Nielsen IQ (NIQ) ergeben.
Mit 700 Millionen Euro Umsatz im Jahr liegt der TikTok-Shop noch vor Händlern wie Douglas und Saturn. Besonders gut verkauft sich Mode mit 17 Prozent Anteil am Plattformumsatz, gefolgt von Elektronikprodukten mit 16 Prozent und Wohnen mit 14 Prozent.
Handelsverband warnt: Daten liegen in China
Dara Kossok-Spies bewertet die Zusammenarbeit mit der chinesischen Plattform kritisch. Welche Händler auf TikTok sichtbar sind, entscheide der Algorithmus. Und hier habe China die Entscheidungsmacht. Doch sie sieht auch Chancen: Über TikTok könnten Händler Impulskäufe auslösen, was in Zeiten starken Konsumrückgangs zu höheren Umsätzen führe.
Ein Drittel der Käufer aus der Gen X
Wer trifft die Kaufentscheidungen? Die Überraschung: Auf TikTok shoppen nicht nur sehr junge, sondern auch ältere Menschen. Die Gen X (1960 bis 1979) und die Gen Z (1995 bis 2010) machen laut NIQ jeweils ein Drittel der Käufer aus. Die Gen Y (1980 bis 1994) liegt bei 29 Prozent. Den größten Umsatz generiert die Gen X mit 37 Prozent des Gesamtumsatzes.
Über 2.500 bayerische Unternehmen verkaufen auf TikTok
Je nach Alter und Interessen zeigt der Algorithmus von Katzen-Kratzbaum und Gartenhäusern bis Proteinriegel und Sneakern eine riesige Bandbreite an Artikeln – immer öfter auch von bayerischen Anbietern: Von den insgesamt rund 25.000 Unternehmen, die in Deutschland über den TikTok-Shop verkaufen, sind rund 2.500 bis 5.000 aus Bayern. Das schätzt Professor Distributions- und Handelslogistik an der Technischen Hochschule Nürnberg (TH) Christoph Tripp.
Als Beispiele nennt er bekannte Marken wie Kijimea aus Gräfelfing, aber auch Einzelunternehmen wie Koffer-Kopf aus Augsburg. „Ich gehe davon aus, dass sich die Zahl in den nächsten Jahren steigern wird“, sagt Tripp. Social Commerce sei bisher ein Nischenmarkt in Deutschland im Vergleich zu asiatischen Märkten. Die ausgeprägte Trendkultur hierzulande bietet jedoch Potenzial, sagt der Handelsexperte.
Gerade für kleine Unternehmen attraktiv, aber riskant
Potenzial, das auch die Plattformen längst erkannt haben: TikTok gehe im Moment, genau wie Temu, besonders intensiv auf Händler in Deutschland zu. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen kann das Konzept attraktiv sein. Tripp zählt eine Reihe von Vorteilen der Shops auf: Die problemlose Integration ohne eigenen Onlineshop, 27 Millionen TikTok-Nutzer allein in Deutschland.
Trotzdem warnt er: „Das ist ein permanenter Druck, der dort entsteht, immer wieder neue Inhalte liefern zu können.“ Außerdem habe TikTok hohe Erwartungen an Liefergeschwindigkeit, Kundenservice und Aktionen.

