Die Gefahren einer Masern-Infektion sind für manche inzwischen zu weit weg, um sie noch zu fürchten – dank der Impfung. Deren Wirksamkeit und Sicherheit ist vielfach getestet. Manche behaupten das Gegenteil – und verbreiten fälschlicherweise, Studien seien nur aussagekräftig, wenn es eine Vergleichsgruppe mit Ungeimpften gäbe.
So schreibt etwa die AfD-Bundestagsabgeordnete Christina Baum auf der Webseite ihrer Fraktion in Bezug auf Masern-Impfungen für Kinder, dass „eine Kontrollstudie zum Gesundheitszustand zwischen geimpften und ungeimpften Kindern (…) über viele Jahre hinweg durchgeführt werden“ müsse. Gemeint ist, das wird auch in ihrer schriftlichen Frage an den Bundestag deutlich, eine kontrollierte Studie mit Placebo. Das bedeutet: Die Politikerin fordert, dass eine große Zahl von zufällig ausgewählten Kindern zu Forschungszwecken nicht gegen Masern geimpft und damit nicht vor der Erkrankung und möglichen Folgen geschützt wird.
Kein Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus oder Allergien gefunden
Solche Forderungen sollen häufig eine andere Falschbehauptung untermauern: Geimpfte litten häufiger an chronischen Krankheiten wie Autismus oder Allergien als Ungeimpfte, die Forschung vergleiche die Gruppen aber nicht – oder das Wissen aus diesen Vergleichen werde verschleiert. Das stimmt nicht. Die Forschung hat das vielfach untersucht – und keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus oder Allergien finden können. Geimpfte Kinder und Erwachsene tragen also kein erhöhtes Risiko für chronische Erkrankungen. Ungeimpfte hingegen tragen ein höheres Risiko, Krankheiten und Komplikationen zu erleiden, die eine Impfung hätte verhindern oder abschwächen können.
Eltern sind jedoch eine verletzliche Zielgruppe für Falschinformationen zu Impfungen – sie wollen das Beste für ihr Kind. Was aber genau drin ist in einer Impfspritze und wie konkret sie wirkt, das versteht man als Laie nicht unbedingt. Man ist darauf angewiesen, der Medizin zu vertrauen. Genau hier setzen Impfgegner an, um Zweifel zu säen.
Dieser #Faktenfuchs zeigt, auf welchen Wegen die Forschung sowohl die Wirksamkeit als auch die Sicherheit von Impfungen bereits überprüft – und warum Placebo-Studien bei bestimmten Impfungen aufgrund ethischer Regeln unterlassen werden.
Welche Angriffspunkte nutzen Impfgegner?
„Es ist ein Schein-Argument, immer zu sagen, solange es keine Vergleichsgruppe gibt, ist es keine gute Wissenschaft. Das suggeriert, Forschung sei unvollständig oder manipuliert“, sagt Linda Sanftenberg vom Institut für Allgemeinmedizin am LMU Klinikum in München. Die klinische Versorgungsforscherin ist auch stellvertretende Vorsitzende des Nationalen Aktionsbündnisses Impfen (NABI). „Tatsächlich haben wir aber sehr gute Studien mit Vergleichsgruppen und wir haben andere Studien ohne Vergleichsgruppen, die aber trotzdem hochgradig aussagekräftig sind.“
Viele haben im Kopf, dass sogenannte randomisiert-kontrollierte Studien (für Engl.: Randomized Controlled Trial, kurz RCT) als Goldstandard gelten. Dabei werden die Teilnehmenden zufällig (randomisiert) einer von zwei Gruppen zugeordnet. Die eine Gruppe wird mit dem Impfstoff-Kandidaten geimpft. Der Kontrollgruppe wird entweder ein Placebo verabreicht, also eine Substanz ohne Wirkstoff – oder diese Kontrollgruppe erhält einen anderen empfohlenen Impfstoff, also die Standardtherapie. Neue Impfstoffe sind also randomisiert-kontrolliert getestet, aber nicht zwingend mithilfe eines Placebos.
Der wichtigste Grund dafür im Fall der Masern: die Gefährlichkeit der Krankheit. Das Masern-Virus ist gefährlicher, als manche denken. Es kann zu schwerwiegenden Komplikationen führen – wie einer Lungenentzündung, laut Bundesgesundheitsministerium bei etwa zehn bis 60 von 1.000 Infizierten oder einer Gehirnentzündung, bei etwa einem von 1.000 Infizierten. In seltenen Fällen, bei Kleinkindern unter fünf Jahren (bis zu 60 Fälle auf 100.000 Infizierte), entwickelt sich eine fortschreitende Gehirnentzündung, die mehrere Jahre nach der Infektion auftritt und immer tödlich verläuft. Die Masern schwächen außerdem das Immunsystem – tun also das, was manche von der Impfung fälschlicherweise behaupten.
Eine Vergleichsgruppe ohne Wirkstoff (Placebo) ist Experten zufolge nur ethisch vertretbar, wenn es keine wirksame Standardbehandlung – etwa einen bereits geprüften Impfstoff – gibt oder das Risiko für Teilnehmende minimal und gut abgesichert ist.
Ein Angriffspunkt, der in die Irre führen kann: Placebo-Kontrolle
Heute zugelassene Masernimpfstoffe sind Kombinationsimpfstoffe, die gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) oder gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken (MMRV) wirken. Diese Impfstoffe wurden laut Paul Ehrlich Institut alle randomisiert-kontrolliert getestet – aber ohne Placebo. Hier erhielt die Kontrollgruppe häufig den zuvor zugelassenen oder verfügbaren Impfstoff, so das PEI.
Erstentwicklung ohne Placebo – wegen der Gefahr für die Studienteilnehmer
Als der erste Masern-Impfstoff entwickelt und später empfohlen wurde, in Deutschland in den 1960er- und -70er Jahren, war die Bevölkerung massiv durchseucht mit den hoch ansteckenden Masern, wie Martina Prelog dem #Faktenfuchs sagt. Sie ist Kinder- und Jugendmedizinerin und Immunologin am Uniklinikum Würzburg. Die Masern verbreiteten sich also sehr stark. „Das heißt, es wäre hier sogar relativ schwierig gewesen, eine placebo-kontrollierte Studie aufzusetzen, denn die placebo-kontrollierte Gruppe wäre innerhalb kurzer Studienlaufzeit von einer hohen Infektions- und Komplikationsrate betroffen gewesen, was ethisch bedenklich wäre.“ Deshalb gebe es für die abgeschwächten Mumps-Masern-Röteln-Lebendimpfstoffe keine randomisiert-kontrollierten Studien mit einer Placebokontrolle, wie man es üblicherweise heute bei anderen Impfstoffen mache. Die Zulassungsstudien umfassten damals ein paar hundert Probanden – wenig für heutige Verhältnisse, so Prelog. Es sei vor allem darauf geachtet worden, ob bei Geimpften Maserninfektionen verhindert werden – und das war der Fall. Aber auch die Sicherheit wurde geprüft und angepasst.
In Deutschland zeigt der Vergleich zwischen Ungeimpften – vor der Einführung – und Geimpften nach der Einführung: „Masernfälle sind um mehr als 99 Prozent zurückgegangen und auch die Komplikationen wie Enzephalitis oder Todesfälle sind ganz, ganz deutlich zurückgegangen auf nahezu 0“, sagt Linda Sanftenberg vom Institut für Allgemeinmedizin am LMU Klinikum. Hier gebe es keine Vergleichsgruppe zum selben Zeitpunkt. „Aber hier sieht man die zeitliche Entwicklung, die eigentlich sehr klar für sich spricht.“ Welchen Beitrag die Impfung bei der Bekämpfung von Masern leistet, zeigt auch eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO: Die Impfung rettete weltweit in den vergangenen 50 Jahren geschätzt 154 Millionen Menschen das Leben, vor allem Kleinkindern.
Heutiger Zulassungsprozess prüft Sicherheit
Für heutige Zulassungsverfahren sind die Standards andere. Die letzte Testphase des Verfahrens, bevor ein Antrag zur Zulassung gestellt werden kann, umfasst mehrere Tausend zufällig zugeteilte Probanden in der geimpften Gruppe und mehrere Tausend in der Placebo-Gruppe. Dabei wird laut PEI genau darauf geachtet, dass beide Gruppen vergleichbar zusammengesetzt sind (zum Beispiel im Hinblick auf Alter oder Geschlecht) und ein vergleichbares Infektionsrisiko besteht.
„Im Rahmen dieser klinischen Studien werden auch nicht erwünschte Effekte zwischen den Gruppen, die den Impfstoff erhalten, und denen, die ihn nicht erhalten, verglichen“, sagt Berit Lange, Ärztin und Epidemiologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. „Dies ist ausreichend für seltene und häufigere Nebenwirkungen, aber nicht immer für sehr seltene.“ Für die sehr seltenen Nebenwirkungen gibt es weitere Sicherheitsnetze: Nach der Zulassung können unerwartete Effekte und Nebenwirkungen gemeldet werden. Diese Meldungen werden vom PEI überwacht und ausgewertet. „Daher hört die Beobachtung der Impfstoffe durch die Expertinnen und Experten der Arzneimittelsicherheit – der Pharmakovigilanz – auch nach der Zulassung nie auf“, schreibt das PEI dem #Faktenfuchs.
„Diese Art der Überwachung heißt auch, dass es unwahrscheinlich ist, dass häufige Nebenwirkungen, die in einem Rahmen von zwei bis drei Jahren auftreten, nicht auffallen“, sagt Lange. „Wenn es also zum Beispiel ein Signal gäbe, dass nach einer Impfung sehr viele Menschen neu ein Asthma entwickeln, dann würde das im Überwachungssystem auffallen.“
Ethische Grundprinzipien
Linda Sanftenberg sagt: „Wenn wir wissen, eine Impfung ist sicher und wirksam, dann ist es ethisch nicht vertretbar, diese einigen Menschen vorzuenthalten und sie einem erhöhten Risiko der Infektion auszusetzen. Das wird keine Ethikkommission so durchgehen lassen.“ Auch das PEI schreibt dem #Faktenfuchs: „Sobald also ein wirksamer Impfstoff existiert, sind Placebo-kontrollierte Studien ethisch nicht mehr vertretbar. Die Wirksamkeit neuer Impfstoffe wird dann gegen das Vergleichspräparat als Komparator getestet und nicht gegen Placebo.“ Teilnehmende dürfen, so schreibt das Paul Ehrlich Institut dem #Faktenfuchs, keinem zusätzlichen Risiko schwerer oder irreversibler Schäden ausgesetzt werden, weil sie nicht die bestbewährte Behandlung erhalten. So ist das auch in der Helsinki-Erklärung festgehalten, die die ethischen Prinzipien für medizinische Forschung mit menschlichen Teilnehmern festlegt. Auf die ethischen Grundregeln verweist auch die Bundesregierung in ihrer Antwort auf die schriftliche Frage der AfD-Abgeordneten Baum.
Auf Nachfrage, ob Baum ihre Aussagen vor dem Hintergrund dieser Prinzipien weiterhin aufrecht erhalte, antwortete die Abgeordnete dem #Faktenfuchs, mit einer Begründung von „ethischen Hintergründen“ ließe sich jede wissenschaftliche Studie „verbieten“. Das stimmt allerdings nicht. Für die ethischen Prinzipien medizinischer Forschung gibt es klare Regeln – wie in der Helsinki- Erklärung festgeschrieben. Diese führt auch das Paul-Ehrlich-Institut ausführlich aus. Baum beharrt außerdem darauf, dass Wirksamkeit und Sicherheit der Masernimpfstoffe nie bewiesen worden seien. Das stimmt ebenfalls nicht.
Placebo-Kontrolle: Nicht das Maß aller Dinge
Denn man braucht die Placebo-Kontrolle auch nicht zwingend. Eine Placebo-Gruppe fördert oft gar nicht zutage, was man wissen will. Beobachtungsstudien sind besser geeignet, um seltene oder erst langfristig auftretende Nebenwirkungen von Arzneimitteln – wie Impfstoffen – zu erkennen.
Mit Beobachtungsstudien können Hinweise auf Ursachen von Krankheiten gesammelt werden. Dafür verwenden Forschende die Daten von Bevölkerungsgruppen und nehmen keinen Einfluss auf die Teilnehmenden. Diese werden über einen bestimmten Zeitraum hinweg beobachtet und die Daten werden mithilfe anerkannter Methoden ausgewertet. Auch daraus kann man zuverlässige Schlussfolgerungen ziehen. Aber: Kausalzusammenhänge sind mit Beobachtungsstudien nicht nachweisbar. Wissenschaftliche Belege (Evidenz) ergeben sich vielmehr häufig aus den Ergebnissen verschiedener Studien unterschiedlicher Typen.
Immunologin Prelog sagt: „Selbst mit einer standardisiert-randomisiert-kontrollierten Studie, wie wir es heute bei anderen Impfstoffen machen, erfassen wir nicht die sehr seltenen Nebenwirkungen, die zum Beispiel seltener als 1:10.000 Geimpfte betreffen würden.“ Das können lediglich sehr große Beobachtungsstudien erfassen. „Wir haben jetzt die Möglichkeit, mit der Vielzahl an großen Beobachtungsstudien, aber auch mit den systematischen Übersichtsarbeiten und Metaanalysen und der Pharmakovigilanz ein Gesamtbild zu bekommen, das auch seltene Nebenwirkungen erfasst“, sagt Prelog.

