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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wissen > Katastrophenübung: Wie rettet man alte Dokumente?
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Katastrophenübung: Wie rettet man alte Dokumente?

Michael Farber
Zuletzt aktualisert 12. September 2025 09:47
Von Michael Farber
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5 min. Lesezeit
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Ein weißgrünblauer Schimmelflaum wächst vom Rücken über den Buchdeckel, eine prallvolle und patschnasse Akte ist durchsetzt mit roten Punkten. So sehen Bücher und Akten aus, wenn sie eine Woche im Wasser liegen und dabei Luft und Wärme auf sie einwirken, erklärt der Katastrophenübungsleiter Matthias Frankenstein. Der ausgebildete Papierrestaurator ist Fachberater für Kulturschutzgut an der Technischen Universität Darmstadt.

Inhaltsübersicht
Hochwasser, Alptraum der ArchivareDuschen, dokumentieren, dicht machenKleines Zeitfenster gegen ZerstörungZum Erhalt verpflichtetKlimawandel bedroht auch kollektives Gedächtnis

Drei große Mülltonnen mit gewässerten Akten stehen da. Aus den Tonnen stinkt es. In diesem Fall ist das Absicht, denn mitten in der Nürnberger Altstadt wird eine Katastrophe rund um Kulturgüter aus Archiven simuliert.

Hochwasser, Alptraum der Archivare

„Hochwasser, ausgelöst durch Starkregen, und dann tritt eben das Wasser in einen Magazinraum oder einen Archivraum ein und ist verschmutzt mit Fäkalien, mit Öl, mit allen möglichen Dingen“, das ist der Alptraum von Christine Sauer, der Leiterin der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Nürnberg. Wie man die wertvollen Bücher, Akten und Urkunden aus so einer Katastrophe bergen, retten und wieder zugänglich machen kann, darum dreht sich die Übung vor der Katharinenruine mitten in der Nürnberger Altstadt.

Duschen, dokumentieren, dicht machen

Jetzt schlägt die Stunde der Bücherretter – also der Archivare und Restauratoren. Insgesamt 24 sind es, die aus Nürnberg, Schwabach, Erlangen, Lauf und Wendelstein an der Katastrophenübung teilnehmen. Wie bei der Spurensicherung sind alle mit weißen Schutzanzügen und Atemschutz ausgerüstet. Ihre Aufgabe: tonnenweise Bücher, Dokumente und Baupläne möglichst schnell schimmelfrei und wenigstens oberflächlich sauber bekommen.

Auf Biertischen sind Duschen, Fotostationen und eine große Rolle Frischhaltefolie aufgebaut. Damit werden die Archivalien luftdicht verpackt, danach eingefroren und später gründlich gereinigt.

Kleines Zeitfenster gegen Zerstörung

48 Stunden bleiben den Bücherrettern, dann zerstört Schimmel eine Geburtsurkunde oder ein anderes wichtiges Dokument. Ein Horrorszenario für die Leiterin des Gemeindearchivs Wendelstein, Katharina Polster. „Das sind Urkunden, die wir täglich im Gebrauch haben“, sagt sie im BR-Interview. In ihrem kleinen Archiv stünden für den Ernstfall zwei bis drei Mitarbeiter zur Rettung bereit, da habe sie einfach keine Chance, die Akten in großem Umfang retten zu können. Während der Übung lernen die Teilnehmenden auch, sich untereinander zu vernetzen und einander zu helfen.

Nur wenn in diesem kurzen Zeitfenster alle Handgriffe sitzen, können Bücher, Dokumente und einzigartige Kulturgüter erhalten werden. Das haben die Fachleute, die bei den großen Katastrophen, etwa im Ahrtal, mit angepackt haben, den Teilnehmenden an der Übung in Nürnberg zwei Tage lang in Theorie und Praxis eingebläut.

Zum Erhalt verpflichtet

Die Restauratorin der Stadtbibliothek Nürnberg, Sonja Hassold, erklärt, sie alle seien für die Objekte in ihren Häusern auch verantwortlich. Gemeint ist damit, dass die Kulturgüter erhalten bleiben und zugänglich sind. Das ist in den Archivgesetzen des Bundes und der Länder geregelt.

Hassold arbeitet in direkter Nachbarschaft zum Übungsareal an der Katharinenruine in der Stadtbibliothek Nürnberg. Die Restauratorin hat Angst vor Starkregenereignissen. „Wir haben hier ein tolles, relativ neues Gebäude, bei dem beim Bau auf möglichst alle Maßnahmen geachtet wurde, um die Objekte in den Magazinen zu schützen. Aber gegen so Katastrophen wie im Ahrtal ist kein Haus gefeit“, so Hassold.

Klimawandel bedroht auch kollektives Gedächtnis

Bei dem Hochwasser im Ahrtal vor vier Jahren kamen 183 Menschen ums Leben. Was die wenigsten wissen: In jeder betroffenen Gemeinde gab es auch palettenweise Geburtsurkunden, Gerichtsakten und historische Bücher, die von den Schlamm- und Wassermassen beschädigt wurden. Bis heute sind viele noch nicht restauriert.

Wegen der Gefahren, denen Archive durch den Klimawandel ausgesetzt sind, hatte sich 2016 der „Notfallverbund Großraum Nürnberg“ gegründet. Das war noch deutlich vor der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal im Juli 2021, bei dem auch Kulturgüter unwiederbringlich zerstört wurden. Gestartet waren damals das Staatsarchiv Nürnberg, das Landeskirchliche Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und das Stadtarchiv Nürnberg.

Inzwischen haben sich auch die Stadtarchive umliegender Städte und Gemeinden, die Archive der Universitäten und das Deutsche Kunstarchiv im Germanischen Nationalmuseum dem Notfallverbund angeschlossen. In jüngster Zeit traten auch Unternehmensarchive dem Verbund bei. Sie alle wollen sich mit der Katastrophenübung in Nürnberg auf den Ernstfall vorbereiten.

 

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Von Michael Farber
Michael Farber ist ein erfahrener Journalist, der das Ressort Wissen der WirtschaftsRundschau leitet. Mit seiner Expertise in Wissenschaft und Technologie berichtet er über die neuesten Entwicklungen und Entdeckungen und bietet den Lesern spannende Einblicke in komplexe Themen.
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