Bianca Hesen freut sich total auf ihr Auslandssemester in London. „Aber gleichzeitig mache ich mir echt Sorgen, dass da alte Muster wieder anfangen“, sagt sie ihrer Therapeutin an der Uni Würzburg. Bianca Hesen leidet an Magersucht, besonders das Essen in neuen Situationen macht ihr Angst. Gemeinsam erarbeiten beide Strategien, damit sie ihre hart erarbeiteten Erfolge auch in London festigen kann.
Künstliche Intelligenz: Gespräch mit simulierter Patientin
Eigentlich ein klassisches therapeutisches Gespräch – doch Bianca Hesen existiert gar nicht wirklich. Sie ist eine KI-gesteuerte Simulation in einer virtuellen Realität. Die Simulation läuft auf einem Computer am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Würzburg. Studentin Susanne Kempf sieht die „Patientin“ durch eine VR-Brille an einem Tisch sitzen. In der Mitte des Tisches leuchtet ein Knopf. Ist er grün, darf Susanne Kempf sprechen.
KI-Patienten als Ergänzung zu Rollenspielen
Sie studiert an der Universität Würzburg den Masterstudiengang „Klinische Psychologie, Psychotherapie und Klinische Neurowissenschaften“. Rollenspiele sind dabei ein fester Bestandteil der psychotherapeutischen Ausbildung. Dabei schlüpfen die Studierenden in die Rollen von Therapeut/Therapeutin und Patient/Patientin, um verschiedene Fälle zu üben. Sich in eine Rolle hinein zu fühlen helfe, etwas über das jeweilige Krankheitsbild zu lernen, sagt Susanne Kempf zu BR24. Aber nicht alles lasse sich authentisch darstellen – und da könnten KI-Patienten helfen.
Menschliche Interaktion bleibt unverzichtbar
Gerade bei Fällen, die Studierende schwer darstellen könnten, zeige die VR-Simulation ihre Stärken. Etwa bei Kindern oder älteren Menschen als Patienten, erklärt Dr. Sabrina Gado, die Teil der Projektleitung ist. Aber die Psychologin stellt auch klar: „Wir brauchen diese echten Interaktionen schon auch noch“. Denn menschliches Verhalten sei zu komplex, um alles simulieren zu können.
Studierende: Wartezeit als Herausforderung bei KI-Patienten
Kempfs Mitstudentin Lena Jung hat auch vor dem Projekt an der Uni Würzburg schon mit KI geübt, um sich auf Prüfungen vorzubereiten und die KI den Patienten spielen lassen. Aber mittlerweile geht deutlich mehr als nur mit der KI zu chatten. Das größte Verbesserungspotenzial sieht sie bei der Wartezeit auf die Antworten der KI-Patienten. Oft vergehen einige Sekunden, bis das Modell reagiert. Das unterbreche den Gesprächsfluss.
Abwechslungsreiche Trainingsmöglichkeiten für Therapie
Bisher können die Studierenden acht Fälle üben, die an ihre Bedürfnisse angepasst wurden. Mit den virtuellen Patienten und Patientinnen zu üben, biete ihnen eine sichere Umgebung, in der sie ohne Druck verschiedene Strategien ausprobieren könnten, sagt Sabrina Gado. Man könne den gleichen Fall mehrfach üben und auch frustrierende Situationen schon mal in einem geschützten Rahmen erleben.
Denn beim Üben unter Studierenden sei man vielleicht etwas netter und gebe ein bisschen schneller nach, als es ein echter Patient tun würde. Mit der KI könne man die Erfahrung machen, dass Patienten auch mal keine Lust haben oder sich sogar weigern mitzumachen.

