Am 5. August 2013 schnallen Wissenschaftler einem kleinen Storch in Loburg, Brandenburg, einen GPS-Sender um. Sie ahnen nicht, was sie damit über ihn erfahren werden – und dass er später „Hansi“ getauft wird.
Hansi ist der kleinste Storch in Loburg. Und der jüngste der 60 Störche, die in diesem Jahr zum ersten Mal einen Sender bekommen. Einmal pro Tag übermittelt er seinen Standort an ein Forscherteam. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen von der Vogelschutzwarte Loburg, dem Max-Planck-Institut (MPI) für Verhaltensforschung in Radolfzell und einer israelischen Universität.
Storch Hansi ist von Anfang an zu spät dran
Hansi ist noch klein und ungeschickt, als die ersten Jungstörche nach Afrika aufbrechen. Teilweise fliegen Störche bis in den Süden Afrikas, von Loburg aus knapp 10.000 Kilometer. „Gerade das erste Lebensjahr ist für die Störche immer das gefährlichste“, erklärt Michael Kaatz von der Vogelschutzwarte Loburg. „Sie sind da noch so unerfahren, gehen Risiken ein und sterben dann.“
Hansi schließt sich erst der letzten Storchen-Gruppe an. Er fliegt mit bis nach Tschechien – die Route der sogenannten Ostzieher-Störche, die das Mittelmeer östlich über Israel umrunden. Aber in Tschechien scheint der kleine Storch falsch abzubiegen. Er überfliegt Innsbruck, schließt sich Reihern an und landet im Inntal, es ist kalt, die Pässe sind zu hoch. Hansi steckt im Alpental fest. Der Sender schickt keine Standorte mehr.
„Wir haben gedacht, es ist Herbst, es ist November, es wird Dezember. Jetzt hat der Hansi wahrscheinlich das Zeitliche gesegnet“, erinnert sich Martin Wikelski, Direktor am MPI.
GPS-Signale von Hansi kommen aus Winhöring bei Altötting
Mitten im Winter übermittelt der Sender wieder Signale. Aber nicht aus dem Süden, sondern aus Winhöring, einem kleinen Ort bei Altötting. Ist der Storch umgekehrt? Oder sind es gestörte GPS-Signale, weil Hansi über einem Kriegsgebiet fliegt? Das komme durchaus vor, sagt Wikelski. Heidi Schmidt, die technische Assistentin vom MPI, fährt nach Winhöring. Im Garten eines Bauernhofs steht ein Storch. Hansi.
Storch bekommt Fußbad, Futter und einen Namen
Die Landwirte erzählen Heidi Schmidt, dass sie den Storch „Hansi“ genannt haben und dass er schon eine Weile im Garten wohne. Er habe plötzlich vor der Terrassentür gestanden. Jetzt bekomme er täglich Biofleisch und ein warmes Bad für seine Storchenbeine, damit er den Winter in Oberbayern übersteht. Das können die Biologen kaum glauben – und fahren auch nach Winhöring. Wikelski erinnert sich:
„Und dann sitzen wir da im Wohnzimmer und wer kommt außen entlang über den Garten? Der Hansi! Geht an die Terrassentür, schaut rein – und klopft an. Und dann sagt die Oma von dem Bauernhof: Ja Hansi, da bist du schon. Jetzt hab ich dich ganz vergessen. Die ganzen Leute sind da, aber jetzt kriegst gleich was!“
Wissenschaftler lernen von Hansi Neues über Störche
Durch die aufgezeichnete Biografie von Storch Hansi, die die Familie aus Winhöring mit ihren Informationen ergänzen konnte, haben die Biologen vieles bestätigt bekommen, was sie aufgrund anderer Daten schon vermutet hatten: Offenbar ist das Zugverhalten der Störche nicht angeboren und wird auch nicht von den Eltern einmal erlernt und dann immer so praktiziert. Der Vogelzug der Störche ist vielmehr eine Kultur.
„Die Kultur kann man von heute auf morgen ändern, seine Verhaltensweisen“, erklärt der Biologe Wikelski. „Das hat uns der Hansi gezeigt: Dass es eben nicht in den Genen liegt, dass er jetzt nach Israel und Afrika fliegen muss, sondern er kann das ändern. Und man kann auch mit Reihern mitfliegen anstatt mit Störchen.“
Hansi hat im Laufe seines Lebens noch so einiges geändert und die Kultur der Störche immer wieder an seine individuellen Bedürfnisse angepasst.
Hansis ausführliche Lebensgeschichte gibt es ab 30. August bei IQ – Wissenschaft und Forschung in der ARD Audiothek zu hören. Der Podcast heißt „Namenlose Helden – Biografien aus der Wildnis“.