Wir lernen fürs Leben, heißt es oft. Schließlich sollten Kinder und Jugendliche nach ihrem Schulabschluss in einer sich wandelnden Welt klarkommen und diese Welt auch aktiv mitgestalten können.
Dafür muss sich aber einiges ändern, sagen sowohl Uta Hauck-Thum, Professorin für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, als auch Stephanie Wössner, freiberufliche Beraterin für verschiedene Bildungseinrichtungen und hauptberuflich Leiterin der Stabsstelle „Zukunft des Lernens“ am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg.
Schule von morgen: Wie Kinder und Jugendliche künftig lernen sollten
Kinder und Jugendliche müssten mehr lernen, zusammenzuarbeiten, projektbezogen zu denken, und Herausforderungen selbstbewusst anzugehen, sagen beide Bildungsforscherinnen. Es sollte daher keine starren Stundentafeln und keine 45- oder 90-Minuten-Einheiten mehr geben, da sind sich Uta Hauck-Thum von der LMU und Stephanie Wössner einig.
Während Stephanie Wössner im künftigen Schulsystem gar keinen Frontalunterricht zur Wissensvermittlung mehr für nötig hält und auch keine Noten, will die Professorin für Grundschulpädagogik Hauck-Thum in ihrer Vision der Schule von morgen für manche Bereiche daran festhalten. Es brauche Phasen des frontalen Erklärens, auch Phasen, „wo Kinder individuell an Fehlerschwerpunkten üben, ihre individuellen Basiskompetenzen weiterentwickeln“, sagt sie, aber dann eben auch Gelegenheiten, „übergreifende Kompetenzen“ zu erwerben, etwa in fächerübergreifenden Projekten.
Stephanie Wössner, selbst ausgebildete Gymnasiallehrerin, findet, Kinder und Jugendliche sollten künftig selbst entscheiden, wann sie was lernen. Sie seien kein leeres Blatt, kein Behälter, den man füllen müsse, wovon wir aber im aktuellen Schulsystem ausgingen, erklärt die Pädagogin. „Ich glaube, dass die ganzen Grundkompetenzen, die wir brauchen, selbstbestimmt gelernt werden können. Also nicht selbst erworben werden können, sondern selbstbestimmt zu einem bestimmten Zeitpunkt entwickelt werden können, wenn es sinnvoll ist“, sagt Wössner.
Nicht nur Lehrkräfte und Schulen: Wer künftig den Kindern wo Inhalte vermitteln sollte
Nach Ansicht von Hauck-Thum und Wössner sollte Wissen künftig nicht nur von Lehrerinnen und Lehrern vermittelt werden. Auch Menschen mit bestimmten Fachkompetenzen, etwa aus der Wissenschaft, der Kultur oder anderen Bereichen, sollten in die Schulen kommen und ihr Können an die Kinder und Jugendlichen weitergeben. Oder auch Freiwillige, die sich engagieren wollen, ist Wössners Vorstellung. Das helfe auch, Lehrkräfte zu entlasten und den Lehrkräftemangel zu kompensieren, betont die LMU-Professorin Hauck-Thum.
Und nicht nur Schulgebäude sollten nach der Vorstellung von Hauck-Thum und Wössner als Ort der Wissensvermittlung dienen. Auch Bibliotheken und Museen könnten künftig Orte sein, in denen Kinder und Jugendliche in Zukunft lernen, sagt Uta Hauck-Thum.
Stephanie Wössner hält sogar Schulgebäude für komplett überflüssig. Für sie ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche zum Lernen an einen Ort kommen können, an dem sie sich zurückziehen können und sich wohlfühlen. Sie hält dafür eine Art Coworking-Space, in dem Kinder und Jugendliche in kleinen Gruppen lernen können, für am besten geeignet.
Schulen, in denen so gearbeitet wird, gebe es schon, sagt Wössner. Die NuVu-Highschool in Cambridge, USA, zum Beispiel. Dass Absolventen dieser Schule von Eliteunis wie Harvard oder Stanford angenommen werden, zeigt laut der Pädagogin, dass das Konzept funktioniert. Auch andere Schulen in Europa, sogar in Deutschland – meist Privatschulen – lehrten in Ansätzen schon nach diesem Prinzip, sagt Wössner.
Aussicht: Was wann im Schulsystem passieren wird
Zumindest Prof. Hauck-Thum ist zuversichtlich, dass sich Schule in diese Richtung entwickeln wird. „Man muss positiv denken“, sagt sie. „Ich sage: Ja, es wird uns gelingen, weil die äußeren Rahmenbedingungen es erforderlich machen, aber auch, weil die Vielfalt unter den Kindern es uns gar nicht mehr erlaubt, so zu unterrichten, als wären alle gleich“.
Aber – auch darin sind sich beide Bildungsforscherinnen einig: Diese Erkenntnis muss erst noch bei denjenigen ankommen, die politisch entscheiden. Und deshalb wird es noch einige Zeit dauern, bis unser Schulsystem zukunftsfähig wird.

