Eine Wiese am Alpenrand und eine Wiese in Oberfranken: Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte man hier ganz unterschiedliche Gemeinschaften von Insekten gefunden – spezialisierte Arten, die nur an diesen besonderen Standorten vorkommen. Heute sieht das anders aus. Die beiden Wiesen unterscheiden sich kaum noch und ihre Bewohner sind immer die gleichen, oft wenig anspruchsvollen Arten. Das haben Forschende vom Nationalpark Bayerischer Wald und der Universität Würzburg in einer umfangreichen Studie gezeigt.
Gemeinschaften von Insektenarten eintönig
Die Insektenökologin Dr. Orsi Decker und ihr Team haben für ihre Studie vier unterschiedliche Lebensräume untersucht: Wiesen, Wälder, Äcker und städtische Gebiete. An 179 Standorten haben sie Insektenfallen aufgestellt, etwa 12.000 genetische Proben eingesammelt und ausgewertet. Das Ergebnis war zum Teil erwartbar: Die meisten Insektenarten leben in den einzelnen Waldgebieten. Die wenigsten Arten leben auf den einzeln betrachteten Ackerflächen. Überraschend aber war Folgendes: Als die Forschenden die Artengemeinschaften auf den unterschiedlichen Wiesen in ganz Bayern miteinander verglichen haben, oder die Artenvielfalt in den unterschiedlichen Wäldern, sah es in den jeweiligen Gebieten eintönig gleich aus. Sogar eintöniger als bei Äckern und Siedlungen im räumlichen Vergleich.
Artenschwund auch in naturnahen Gebieten
Im Prinzip würde das allgemeine Muster schon stimmen, dass weniger intensiv genutztes Land für mehr Arten ein Zuhause ist, sagt die Erstautorin Orsi Decker. Aber: „Wir haben uns die räumliche Verteilung angeschaut. Und da konnten wir zeigen, dass dieses Muster nicht zutrifft. Wenn du da die weniger intensiv genutzten Flächen wie Wald und Wiesen miteinander vergleichst, findest du überall nur dieselben Arten.“ Kurz gesagt: Die Insektengemeinschaften aller bayerischen Wiesen sind ähnlicher als die Artengemeinschaften aller bayerischen Äcker.
Wiesen sind Grasäcker geworden
Den Homogenisierungstrend beobachten Ökologen in Wiesen schon lange, sagt Jan Christian Habel, Evolutionsbiologe an der Universität Salzburg. Wiesen seien mittlerweile Grasäcker. „Sie werden häufig gemäht und häufig gedüngt. Und zum Teil werden sogar noch bestimmte Grasarten eingesät“, erzählt er. Es fehlen die ökologischen Nischen für spezialisierte Arten. Und so würden die Wiesen eben monoton, auch was ihre Bewohner betrifft. Was übrig bleibt seien die „Allerweltsarten“, sagt Habel.
Äcker schneiden im Vergleich besser ab
Erstaunlich ist, dass sich die Zusammensetzung der Insektenarten auf den intensiv genutzten Äckern von Standort zu Standort viel deutlicher unterschieden. Decker erklärt das damit, dass die Äcker zumindest in Bayern oft noch recht klein sind. „Zum Beispiel rund um die Dörfer hier, da gibt es Maisfelder oder Obstgärten. Und wenn man weiter nach Norden fährt, werden dann verschiedene Arten von Gemüse und Obst angebaut.“ Es sei eine Art heterogenes Mosaik von verschiedenen Produkten, die die Menschen anbauen. Das sei auch wichtig für Insektenarten, um notfalls ausweichen zu können. Beispielsweise wenn auf dem einen Acker gepflügt wird.
Die Landwirtschaft kann helfen
Der Agrarökologe Teja Tscharntke, Professor an der Universität Göttingen, zieht aus der umfangreichen Studie vor allem einen Schluss: Die Landwirtschaft als größte Stellschraube könnte der Insektenvielfalt helfen. „Es sollten Anreize geschaffen werden, die Felder sehr viel kleiner und vielfältiger zu bewirtschaften und 20 Prozent der Fläche in Agrarlandschaften müsste als naturnahe Lebensräume erhalten bleiben oder geschaffen werden.“ Aber auch Gartenbesitzer können offenbar viel für Insektenarten tun: Denn ausgerechnet die städtischen Regionen unterscheiden sich in ihrer Artzusammensetzung viel deutlicher voneinander als Wälder oder Wiesen. In den unterschiedlichen Gärten und Parks fühlen sich offenbar auch unterschiedliche Arten wohl.
Jeder Lebensraum ist wichtig
Nur: Mit der ökologischen Aufwertung von Städten ist den verschwundenen Wald- und Wieseninsekten nicht geholfen, mahnt Jan Christian Habel aus Salzburg. Und auch nicht all den Tieren in ländlichen Gebieten, die sich von Insekten ernähren. Er sieht die Ergebnisse der Würzburger Studie deshalb als Warnung, „dass die Grünlandbewirtschaftung geändert werden sollte und zumindest zwischen den intensiv genutzten Grünlandflächen hier und da Insektenschutzstreifen etabliert werden müssen.“ Schließlich sind die Insekten die Grundlage für unsere gesamte Biodiversität.

