„Für mich ist das alles nicht neu“, kommentiert die Münchner Techno-DJ Sarica den Sturm, der aktuell in der europäischen Techno-Szene wütet. „Ich bin froh, dass endlich jemand den Anstoß gegeben hat“, sagt sie weiter und meint damit ihn: „bradnolimit“, ein nach eigenen Angaben Ex-Mitarbeiter einer französischen DJ-Agentur, der auf seinem Instagram-Account momentan diffuse Anschuldigungen von immer mehr Frauen gegen mehrere Hard-Techno-DJs veröffentlicht [externer Link], die sexuell übergriffig geworden sein sollen. Die Vorwürfe sind größtenteils wenig spezifisch, schlecht zuzuordnen und nicht überprüfbar.
Debatte über Sexismus losgetreten
In der Szene tobt nichtsdestotrotz seitdem eine Debatte um Sexismus und die Machtstrukturen in der Clubkultur. Fast täglich erscheinen neue Statements. Zum einen von Szene-Kennerinnen und -Kennern, die sich zu den sexistischen Strukturen in der Szene und dem strukturellen Machtmissbrauch äußern. Zum anderen von beschuldigten DJs, die die Anschuldigungen kommentieren, die „bradnolimit“ über sie veröffentlicht hat.
Auch die Münchner DJ Sarica hat ein Statement geschrieben. Darin beschreibt sie, wie ein Booker aus Bayern sie als Resident in einen bayerischen Club holte und ihr kurz danach Avancen sexueller Art machte. Der Mann hätte ihr Nein zwar akzeptiert, jedoch zwei Jahre lang hinter Saricas Rücken den Kollegen von einer angeblichen Affäre der zwei erzählt.
Im Interview mit dem BR erklärt sie, dass die #MeToo-Bewegung sie ermutige, ihre eigene Erfahrung zu teilen: „Ich sehe das auch ständig, wenn ich meine Gigs habe, wie eben manche Artists mit Arbeiterinnen aus dem Club umgehen im Backstagebereich. Als ich Events gemacht habe, haben sie mich auch schon öfters gefragt: ‚Hey, möchtest du mit uns aufs Hotel gehen?‘ Ich war dann so: ‚Moment mal. Ich mache das Event, was ist das für ein Umgang?'“
Auftrittsabsagen beschuldigter DJs
Dass Frauen wie Sarica sich empowert fühlen, jetzt ihre eigenen Geschichten zu teilen, ist nur eine von vielen Konsequenzen der aktuellen Debatte. Auch in der bayerischen Techno-Veranstaltungsszene ist der Aufschrei bereits zu spüren. So hat das Open Beatz Festival in Herzogenaurach, eines der größten im Elektrobereich, laut eigenen Angaben mehrere Hard-Techno-Acts aus dem Line-up gestrichen, die in den Anschuldigungen von „bradnolimit“ erwähnt werden. Auf Nachfrage verweisen die Verantwortlichen darauf, dass das keine Vorverurteilung sei, sondern eine Vorsichts- und Verantwortungsentscheidung. Eine direkte Kontaktaufnahme durch Betroffene liege dem Festival jedoch nicht vor.
Leo Pfaff und Juri Bennert können den Schritt der Veranstalter nachvollziehen. Sie veranstalten Techno-Partys in München, arbeiten als Booker für den Club „Rote Sonne“, und verweisen auf die besondere Verantwortung, die man als Party-Planer habe: „Es geht um das Wohl aller Gäste, für die man dieses Festival macht – dieses Risiko, diese Abwägung, da wäre für mich die Entscheidung ganz klar zu treffen“, sagt Juri Bennert. Die Booker der „Roten Sonne“ stufen die Anschuldigungen von „bradnolimit“ als sehr glaubwürdig ein. Die jetzige Debatte über Sexismus habe sie nicht verwundert, sagt Leo Pfaff: „Das ist ein Stereotyp des sehr maskulinen, gottgleichen Artisten, der hochgehoben wird“, so Leo Pfaff über die mutmaßlichen Täter. Die „Rote Sonne“ mache schon lange einen Bogen um Hard-Techno-Acts.
Umstrittener Auftritt in München
Leo Pfaff nennt als Beispiel den US-amerikanischen Hard-Techno-DJ Fantasm. Auch er war im Umfeld der Agentur, die im Zentrum der Vorwürfe von „bradnolimit“ steht. Schon vor der aktuellen #MeToo-Debatte und den Vorwürfen von „bradnolimit“ hat es Anschuldigungen der sexuellen Übergriffe gegen ihn gegeben. In einem aktuellen Video [externer Link] bestreitet Fantasm alles und nennt die Anschuldigungen „falsch“.
Die beiden Münchner Booker aus der Roten Sonne nennen DJ Fantasm trotzdem als Beispiel dafür, warum sie Hard-Techno-Acts meiden: „Der hat ein Trikot an, wo eine 69 drauf ist, ein Name einer Porno-Darstellerin und zwei Frauen, die hinter ihm leicht bekleidet auf der Bühne tanzen. Da läuft es mir kalt den Rücken runter, ich finde das so eklig“, sagt Pfaff in Bezug auf einen Open-Air-Auftritt von Fantasm im Container Collective in München im August 2025. Die beiden verweisen wie „bradnolimit“ zudem auf ein Video des französischen Hard-Techno-DJs Shlømo, in dem der DJ belustigt beschreibt, wie eine zugedröhnte Frau in Anwesenheit ihres Vaters im Backstage herumgereicht wird.
Was wusste der DNA Club?
In diesem Zusammenhang spielt auch der DNA Club in München eine Rolle. Denn bei dem von den Rote-Sonne-Bookern erwähnten Open Air im August 2025, auf dem Fantasm auftrat, trat der DNA Club laut der Szene-Website Resident Advisor als Promoter der Veranstaltung auf. [externer Link] Die Afterparty des Events soll laut Ankündigung zudem im DNA Club selbst stattgefunden haben.
Auch zu diesem Fall teilte „bradnolimit“ Screenshots – von mutmaßlichen WhatsApp-Chats der Booker des DNA Clubs. Sie würden beweisen, dass die Booker vom DNA Club bereits damals von den Anschuldigungen gegen Fantasm gewusst, den Künstler aufgrund seiner Reichweite jedoch trotzdem eingeladen hätten. Auf Nachfrage gibt der DNA Club bekannt, dass die Screenshots aus dem Kontext gerissen und deren Herkunft so gut wie nicht belegbar seien. Sie schreiben außerdem: „Wir möchten (…) klarstellen, dass die betreffende Veranstaltung nicht im DNA Club stattgefunden hat.“
Für alle genannten DJs gilt bis auf Weiteres die Unschuldsvermutung.

