Sie hat es mal wieder geschafft: Sandra Hüller wird in Cannes gefeiert. Auslöser ist ihre Leistung im Wettbewerbsfilm „Vaterland“, ein Schwarz-Weiß-Drama über Thomas und Erika Mann und deren Reise durchs kriegszerstörte Deutschland im Jahr 1949.
Das US-Branchenblatt Variety sieht die deutsche Ausnahmeschauspielerin schon wieder auf Oscar-Kurs, der Film selbst avancierte direkt zum frühen Favoriten auf die Goldene Palme. Weil Regisseur Pawel Pawlikowski seine Geschichte über Trauer, Exil und Heimat ebenso dicht wie nahbar inszeniert hat. Und weil der Film weit mehr ist als ein Familienporträt. Hanns Zischler, für seine Darstellung von Schriftsteller Thomas Mann ebenfalls bejubelt, bringt auf den Punkt, was man von „Vaterland“ lernen kann. „Geistesgegenwärtig sein, gegenüber den Dingen, die einem widerfahren! Aufmerksam bleiben und auch Wagnisse eingehen, das ist das, was wir lernen können. Und das machen die beiden.“
Viele deutsche Filmschaffende im Programm von Cannes
Generell kann man in diesem Festivaljahrgang viel lernen über das Land der Dichter und Denker. Denn selten waren so viele deutsche Filmschaffende im Programm von Cannes vertreten. Und selten ging es so oft um Themen wie Identität und deutsche Geschichte. Volker Schlöndorff präsentierte am Samstag in einer Nebenreihe seinen neuen Film „Heimsuchung“.
Die Adaption eines Romans von Jenny Erpenbeck ist eine Art historisches Kammerspiel, erstreckt sich über knapp 100 Jahre, bleibt dabei aber an einem Ort, in einem Haus. Auf die Frage, ob so eine stark komprimierte Zeitreise auch für ein internationales Publikum greifbar ist, meinte Schlöndorff kurz vor der Premiere: „Hier in Cannes zu laufen, das ist natürlich ein Testlauf. Wir haben den Film ja in Deutschland gedreht, für Deutschland, deutsche Geschichte und alles, was uns selbstverständlich ist. Wir riechen sofort, wenn wir die Bilder sehen, ob das in den 50ern, in den 30ern oder in der Nachwendezeit spielt. Was kann ein Ausländer damit anfangen? Das wird sich hier heute entscheiden.“
Und die Antwort lautet schlicht und ergreifend: Sehr viel können sie damit anfangen. Eine elegante und intelligente Deutschlandchronik sei ihm gelungen, titelte das US-Magazin The Hollywood Reporter. Der Applaus nach der Vorführung bestätigte das Urteil.
Erfolg von Mascha Schilinski wirkt nach
Wie das Urteil über den Wettbewerbsbeitrag der Berliner Regisseurin Valeska Grisebach ausfallen wird, ist noch offen. Ihr Film „Das geträumte Abenteuer“ feiert am Freitag Premiere. Auch sie beschäftigt sich mit der deutschen Geschichte, konkret: dem Mauerfall und seinen Auswirkungen auf Europa: „Das hat mich wirklich sehr gekriegt, als ich gemerkt habe: Wie sehr sind wir einerseits verbunden durch diesen Moment – in ganz Europa, es hat sich so viel bewegt und verändert. Und gleichzeitig: Wie sehr sind wir auch getrennt durch Erfahrungen danach, in den Nachwendejahren bis heute. Dieses Echo der Zeit hält ja auch an.“
Und dann wäre da noch Katharina Rivilis. Die Berliner Regisseurin und Schauspielerin ist erstmals in Cannes. Ihr Spielfilmdebüt „I’ll be gone in June“ hatte am Montag in der Nebensektion „Un Certain Regard“ Premiere. Sie führt das große Interesse auch an jungen deutschen Filmschaffenden unter anderem auf den letztjährigen Erfolg von Mascha Schilinski zurück, die für „In die Sonne schauen“ mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde: „Mascha Schilinskis Film. Das war ein Wagnis! Und ich denke, das eröffnet auch anderen deutschen Filmemacherinnen, dass man neugierig ist auf das deutsche Kino, das etwas passiert, und man spürt das auch.“

