Es gibt fast kein Fleischprodukt für das es nicht die entsprechende Veggievariante gibt. Aus mehreren tausend Ersatzprodukten können die Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland wählen. Und über die Jahre ist die Masse des Angebots immer weiter gewachsen. Innerhalb von sechs Jahren hat sich die Produktion in Deutschland von 60.400 Tonnen im Jahr auf 124.900 Tonnen 2025 mehr als verdoppelt. Jetzt gab es aber erstmals einen Rückgang. 2025 wurden laut Statistischem Bundesamt 1,2 Prozent weniger Fleischalternativen produziert als im Vorjahr.
Das Ende des Veggie-Booms?
Obwohl 2025 weniger Fleischalternativen produziert wurden, heißt das nicht, dass vegane und vegetarische Ernährung abnimmt. Silke Noll vom Referat Ernährung der bayerischen Verbraucherzentrale sieht in den Zahlen keinen Einbruch, sondern ein Zeichen für Marktstabilisierung nach mehreren Jahren sehr starken Wachstums. Gegenüber BR24 sagt sie: „In den vergangenen Jahren wurden sehr viele neue Produkte eingeführt, teilweise schneller, als sich eine dauerhafte Nachfrage entwickeln konnte. Viele Unternehmen haben ihre Erwartungen an das Wachstum vermutlich sehr hoch angesetzt. Nun zeigt sich, welche Produkte tatsächlich langfristig nachgefragt werden und welche eher ein kurzfristiger Innovationseffekt waren.“
Zahl der Vegetarierinnen und Vegetarier auf dem Höchststand
Und auch in einer Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach lassen sich keine Rückschlüsse auf eine Abkehr von fleischloser Ernährung finden. In der Befragung gaben im Jahr 2025 8,47 Millionen Menschen an, vegetarisch zu leben – ein Höchststand. Fünf Jahre zuvor lag der Wert bei 6,5 Millionen und ist seitdem kontinuierlich gestiegen.
Flexitarier als Hauptzielgruppe
Prof. Ute Weisz sieht darin keinen Widerspruch zur rückläufigen Produktion von Fleischalternativen. Sie forscht an der Technischen Universität München zu pflanzlichen Proteinquellen und beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Thema. Laut Weisz würden sich die Ersatzprodukte eher an Flexitarier richten, die dadurch einzelne Fleischmalzeiten ersetzen. Und bei diesen vermutet sie im Anbetracht der zahlreichen Probleme auf der Welt eine gewisse Nachhaltigkeitsmüdigkeit.
Fleischkonsum nimmt insgesamt leicht zu
Dazu passt, dass der Fleischkonsum in Deutschland insgesamt nach Jahren der Rückgänge wieder leicht ansteigt. Der Pro-Kopf-Verzehr lag 2025 nach vorläufigen Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung bei im Schnitt 54,9 Kilogramm. Das war etwas mehr als in den Jahren 2023 (52,9 Kilogramm) und 2024 (53,5 Kilogramm). Ein Grund dafür ist, dass die Menschen mehr Geflügel essen. Zum Vergleich: Der Pro-Kopf-Verzehr für Fleischersatzprodukte lag im vergangenen Jahr bei knapp 1,5 Kilogramm.
Wirtschaftlicher Wert des Fleischs 70-mal höher
Was die Wirtschaftskraft angeht, ist das Fleisch seinen Ersatzprodukten weitaus überlegen. Der Wert der in Deutschland produzierten Fleischerzeugnisse lag 2025 bei 45,2 Milliarden Euro und ist damit im Vergleich zum Vorjahr um zwei Prozent gestiegen. Bei den Fleischalternativen lag der Gesamtwert bei 632,6 Millionen Euro und damit 2,2 Prozent niedriger als im Vorjahr. Trotzdem ist Deutschland nach Angaben von Wirtschaftsvertretern der größte Markt für pflanzliche Alternativprodukte in Europa.
Vegane Marken werden eingestellt – für mehr Akzeptanz
Eine Beobachtung, die man in den vergangenen Monaten in den Supermärkten machen konnte, ist, dass vegane Linien aus den Regalen verschwinden. Der Tiefkühlproduzent Iglo gab Ende letzten Jahres gegenüber der Lebensmittelzeitung bekannt, die Marke „Green Cuisine“ einzustellen und einige dieser Produkte dafür ins Sortiment der Hauptmarke aufzunehmen. Die Supermarktkette Rewe verkündete im April, dass die bisherige Eigenmarke „Rewe Bio + vegan“ in „Pflanzlich“ umbenannt wird. Ein weiteres Zeichen für die Abkehr von der fleischlosen Ernährung?
Im Gegenteil: Silke Noll von der bayerischen Verbraucherzentrale sieht darin den Versuch, pflanzliche Produkte stärker aus der Nische zu holen. „Wenn vegane Produkte nicht mehr separat vermarktet werden, sondern selbstverständlich Teil des normalen Sortiments sind, kann das sogar ein Zeichen dafür sein, dass pflanzliche Ernährung im Mainstream angekommen ist.“ Und auch Prof. Ute Weisz stimmt ihr zu: „Die Auslobung ‚vegan‘ könnte den ein oder anderen Verbraucher abschrecken. Manch ein Verbraucher verbindet das noch immer mit Öko, wobei es das gar nicht ist.“

