Schulen und Straßen sind nach ihr benannt, sie ist fester Bestandteil des Geschichtsunterrichts, es gibt zahlreiche Bühnenstücke, Dokus und Spielfilme über sie und erst vor ein paar Jahren haben BR und SWR in einem Gemeinschaftsprojekt Sophie Scholl auch auf Instagram verewigt. Und doch gibt es noch unbekannte Seiten der mutigen Studentin, die im Februar 1943 zusammen mit anderen Mitgliedern der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet wurde.
Denn erst jetzt, über 80 Jahre nach ihrem Tod, sind die Tagebücher von Sophie Scholl erstmals als Gesamtausgabe im Buchhandel erschienen. Herausgegeben hat das knapp 400 Seiten dicke Buch die 28-jährige Regina Reisch aus Starnberg. Während ihres Geschichtsstudiums stellte sie fest, dass die privaten Aufzeichnungen von Sophie Scholl bislang nur auszugsweise in Büchern abgebildet wurden.
Bis 1998 im Privatarchiv
Viele Jahrzehnte wurden die Tagebücher im Privatarchiv von Sophie Scholls ältester Schwester Inge verwahrt. Meldeten sich Autoren oder Herausgeber bei ihr, wurde nur eine Auswahl zur Verfügung gestellt. „Das heißt, eine freie Recherche war gar nicht möglich“, erzählt Regina Reisch im Interview mit Bayern 2. Nach dem Tod von Inge Scholl im Jahr 1998 ging ihr Nachlass an das Münchner Institut für Zeitgeschichte. Dort wurde das umfangreiche Material erschlossen und 2005 zur Einsicht freigegeben. Allerdings waren damit noch nicht alle Hürden genommen.
„Im Archiv arbeiten sie mit Mikrofilm. Das sind Schwarz-Weiß-Aufnahmen, auch nicht in der allerbesten Qualität“, so Reisch. Hinzu kommt, dass die Original-Tagebücher in Sütterlin verfasst sind, einer damals gängigen, aber heutzutage von vielen, insbesondere Jüngeren, schwer lesbaren Schreibschrift. Auch für die 1998 geborene Regina Reisch war Scholls Handschrift eine Herausforderung – die aber auch mit einem Erkenntnisgewinn verbunden war: „Ihre Schrift ändert sich ganz stark und ich habe dem sehr viel entnommen, also sehr viel von Sophie Scholls Innenleben – was einfach viel mehr vermittelt, als wenn ich nur die gedruckten Worte vor mir habe.“ Aus diesem Grund sind auch einzelne Originalseiten in der Gesamtausgabe abgedruckt.
Politisches nicht im Vordergrund
Dass es inhaltlich weniger um konkret Politisches als viel mehr um Dinge wie Freunde, Gefühle oder auch das Wetter geht, hat Reisch nicht überrascht. Schließlich war Sophie Scholl erst 16 Jahre alt, als sie angefangen hat, Tagebuch zu schreiben. Als sie von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde, war sie 21. Regina Reisch meint dazu: „Sophie Scholl erlebe ich nicht als einen Menschen, der es für sich als notwendig empfindet, das Politische in der Welt noch mal rational abstrakt niederzuschreiben, wie man das zum Beispiel auch bei ihrer Schwester Inge Scholl lesen kann. Es kommt für sie auf etwas anderes an, auf einen unmittelbaren Ausdruck. Für mich ist das dennoch sehr aussagekräftig, auch wenn wir dem wenig an Zahlen und Fakten entnehmen können.“
Aus eben diesem Grund würde Reisch gerne wissen, was zum Beispiel Biographen von Sophie Scholl zu den Tagebüchern sagen. Denn auch wenn das allgemeine Bild nicht gleich korrigiert werden muss – es erhält eine neue Dimension: „Wir können Sophie Scholl erleben als Menschen, der sich entwickelt, der einen Weg geht. Und das ist erst möglich, wenn sie die Dinge einmal im Fluss lesen können, wie das eben jetzt möglich geworden ist.“
„Sophie Scholl. Eine Kostbarkeit für immer: Edition der Tagebücher (1937–1943)“ ist im Allitera Verlag erschienen.

