Das derzeit wohl angesagteste KI-Unternehmen Anthropic war mit Claude Fable 5 ohnehin schon einen Kompromiss eingegangen. Das Modell war nur die öffentlich zugängliche Version einer noch viel stärkeren Variante namens Claude Mythos 5. Die aber stellte Anthropic nur ausgewählten Partnern zur Verfügung – aus Sicherheitsgründen. Mythos 5 galt als zu leistungsfähig und zu gefährlich. Fable war also die Airbag-Variante: stark genug für komplexe Aufgaben, aber mit Schutzmechanismen gegen gefährliche Anwendungen, wie etwa Cyberangriffe.
Beeindruckende Fähigkeiten
Für alltägliche Aufgaben wie E-Mails schreiben, Übersetzungen, Texte zusammenfassen oder Recherchen taugen mittlerweile die meisten KI-Modelle. Der Unterschied zeigt sich dort, wo es richtig kompliziert wird: bei großen Datenmengen, komplexen Strukturen oder längeren Programmieraufgaben. Und hier leistete selbst das abgesicherte Claude Fable in unserem Selbsttest Beeindruckendes, beim Programmieren eines Computerspiels.
Programmieren ohne Grenzen – eine Gefahr
Unser Game im Stil eines Pokémon-Spiels sollte auf verschiedenen Leveln funktionieren, mit Figuren, die Monster fangen. Frühere KI-Modelle stießen bei solchen Projekten schnell an ihre Grenzen, verloren den Überblick, oder programmierten Fehler ein. Nicht so Claude Fable: Das Modell konnte unser Spiel immer weiter ausbauen und stabil halten. Auch neue Wünsche für zusätzliche Funktionen oder Hürden wurden problemlos nachträglich integriert.
Diese Erfahrung zeigt: Die neuesten KI-Modelle sind längst nicht mehr nur nette Hilfen für den Alltag. Sie können komplexe Softwareprojekte umsetzen, Sicherheitsanalysen durchführen und technisch komplexe Aufgaben bewältigen. Aber genau darin liegt auch ein Risiko.
US-Regierung zieht die Bremse
Wenige Tage nach der Veröffentlichung gab es einen Paukenschlag. Laut Anthropic verlangte die US-Regierung, den Zugang zu Claude Fable 5 für Menschen ohne amerikanische Staatsbürgerschaft zu sperren. Eine Forderung, die praktisch nicht umsetzbar war: Wie soll ein Unternehmen kurzfristig bei allen Usern weltweit die Staatsbürgerschaft prüfen? Folge: Das Modell wurde komplett vom Netz genommen.
Was steckt hinter dem US-Verbot?
Offiziell ging es um Sicherheitsbedenken. Angeblich war es möglich, die eingebauten Schutzmechanismen zu umgehen und so doch Zugriff auf besonders gefährliche Fähigkeiten des Modells zu bekommen. Warum aber sollten dann US-Bürger weiter mit Fable arbeiten dürfen? Wahrscheinlicher: Der Streit ist Teil eines Konflikts zwischen Anthropic und der US-Regierung, der schon länger schwelt. Dabei geht es unter anderem um die Weigerung des KI-Konzerns, dem Pentagon vollen Zugriff für militärische Anwendungen zu gewähren. Dritte Möglichkeit: Die US-Regierung sieht besonders starke KI-Modelle als strategische Ressource – ähnlich wie Hochleistungschips, oder bestimmte Waffensysteme.
Europa droht zum Zuschauer zu werden
Problem für Anthropic: Wenn es seine besten Modelle nicht verlässlich anbieten kann, verliert es Vertrauen – bei Kunden, Investoren und Partnern. Die größere Frage aber lautet: Was bedeutet der Fall für alle außerhalb der USA, für Europa? Hierzulande sind Unternehmen, Behörden und Start-ups auf KI-Technologie made in US angewiesen. Wenn aber die besten Modelle plötzlich nicht mehr verfügbar sind, fällt Europa zurück. Wettbewerbsfähigkeit, Cybersicherheit, Innovation und digitale Souveränität – das alles steht auf dem Spiel.
Der Gedanke ist nicht ganz neu. Im Papier Europe 2031 entwerfen KI-Fachleute ein düsteres Szenario, in dem Europa technologisch immer weiter den Anschluss verliert. Es hat zu wenige Rechenzentren, zu hohe Energiekosten, zu wenig Kapital und büßt Talente ein, weil die in die USA abwandern. Ein zugespitztes Szenario – aber nicht völlig aus der Luft gegriffen.
Was lehrt der Fall „Claude Fable“?
Die USA haben mit ihrem Einschreiten klargemacht: Der Zugang zu Spitzentechnologie kann jederzeit blockiert werden. Europa muss also befürchten, von einer Schlüsseltechnologie abgeschnitten zu werden? Sollte man den Kontinent also abschreiben, als hoffnungslosen Fall? Die Autoren von Europe 2031 glauben: Nein! Aber der Weg in die Zukunft ist kein Zuckerschlecken: Wir brauchen mehr Rechenleistung, mehr Investitionen … und eine Taskforce auf höchster Regierungsebene in allen europäischen Ländern.

