„Ich habe mich lange nicht damit befasst.“ Tamara Thalbauer lächelt kurz. „Man verdrängt das so ein bissl.“ Vor allem den Gedanken, dass man sich schon mit Ende 20 um die eigene Rente kümmern muss. Dabei geht es der Mitarbeiterin des IT-Unternehmens FOXiT in Tittmoning wie vielen Beschäftigten: Monat für Monat zahlt sie in die Rentenkasse ein und fragt sich, ob es genug sein wird.
Wie wird das Rentensystem krisenfest?
Wie reicht das Geld zum Leben? Das war die Kernfrage, die die Rentenkommission lösen sollte. Im Auftrag der Bundesregierung entwickelten die Fachleute Vorschläge, damit die Rente trotz des demografischen Wandels langfristig finanzierbar bleibt.
Denn auf immer mehr Rentnerinnen und Rentner kommen immer weniger Beitragszahlerinnen und Beitragszahler. Heute finanzieren zwei Beschäftigte eine Rente. Doch wenn die geburtenstarken Babyboomer in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen, gerät das System weiter unter Druck.
Alterssicherung dank Aktienfonds
33 Empfehlungen hat die Rentenkommission vorgelegt. Diskutiert wird seither vor allem über ein steigendes Renteneintrittsalter, die geplante Kapitalrente und die Abschaffung der abschlagsfreien Rente für besonders langjährig Versicherte. „Eine Reform ist nötig“, meint der Münchner Rentenforscher Prof. Axel Börsch-Supan. Allerdings nicht, weil das Umlageverfahren grundsätzlich scheitere. Vielmehr seien politische Versäumnisse der vergangenen Jahre der entscheidende Grund für den Reformbedarf.
Auf die Reformideen blickt der langjährige Direktor des Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitikblickt mit gemischten Gefühlen. Die Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung werde kurzfristig eher begrenzte Auswirkungen haben. Größeren Einfluss habe dagegen die geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente. Das sei dringend nötig, um Fachkräfte länger im Arbeitsmarkt zu halten, so der Münchner Forscher.
Was würde eine Kapitalrente tatsächlich bringen?
Neben der Streichung von Vorteilen soll es aber auch etwas Neues geben. Die Kommission schlägt eine verpflichtende kapitalgedeckte Zusatzvorsorge vor. Zwei Prozent des Bruttogehalts sollen künftig angespart und am Kapitalmarkt angelegt werden. Dafür hat die Wirtschaftsredaktion des Bayerischen Rundfunks ein Rechenmodell entwickelt, mit dem sich die Vorschläge der Rentenkommission beispielhaft durchspielen lassen. Die Berechnungen ersetzen keine individuelle Rentenprognose, zeigen aber die Größenordnung der Reform.
Der Bäckereifachverkäufer Luca Nieberle nimmt das Smartphone in die Hand und fängt an zu tippen: Zwei Prozent seines Bruttogehalts, angenommen fünf Prozent Rendite, dann erscheint das Ergebnis auf dem Bildschirm: Rund 300 Euro zusätzlich im Monat. „Das klingt erst einmal viel“, sagt der 23-jährige. Doch dann hält er kurz inne und schiebt zögerlich nach. „Ob das in über 40 Jahren, also wenn ich in Rente gehe, noch viel wert ist?“ Das frage er sich schon.
Ist die Kapitalrente ein Tropfen auf den heißen Stein?
Der 39-jährige Thomas Henze arbeitet als Heilerziehungspfleger in der Lebenshilfe Kempten und betreut dort Menschen mit Behinderung. Ein Job, der ihn jeden Tag sehr fordert. Auch er nutzt unseren Modellrechner. Bei seinem Einkommen kommt er auf einen etwas höheren Betrag. Seine Reaktion fällt dennoch ernüchtert aus: Angesichts steigender Lebenshaltungskosten reiche das aus seiner Sicht nicht aus.
Tamara Thalbauer, Mitarbeiterin bei einem IT-Unternehmen wiederum weist auf einen anderen Punkt hin: Gerade Frauen unterbrechen ihre Erwerbsbiografie häufig wegen Kindererziehung oder arbeiten zeitweise in Teilzeit. Auch das würde sich auf die spätere Kapitalrente auswirken.
Prof. Axel Börsch-Supan sieht in der Kapitalrente noch einen ganz anderen Nachteil: „Sie wird das umlagefinanzierte Rentensystem erst in 30 bis 40 Jahren spürbar entlasten“, sagt der Rentenforscher. Wer heute 45 oder älter sei, habe davon nicht allzu viel.
Entscheidung nach der Sommerpause
Welche der 33 Empfehlungen tatsächlich Gesetz werden, entscheidet nun die Politik. Nach der Sommerpause will sich der Bundestag mit den Vorschlägen befassen. Und wenn es nach Bundeskanzler März (CDU) und Arbeitsministerin Bas (SPD) geht, sollen diese eins zu eins umgesetzt werden. Die Zeit drängt. Denn für Millionen Beschäftigte geht es dabei nicht um abstrakte Rentenformeln, sondern ganz konkret um die Frage, ob das Geld im Alter reicht.

