Jeder Bericht des Weltklimarats IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) basiert auf der Arbeit von Tausenden Forschern in aller Welt. Der letzte vor fünf Jahren (externer Link) war so umfangreich, dass er in drei Teilen präsentiert wurde, der erste Teil zu den physikalischen Grundlagen am 9. August 2021. Darin geht es um die Frage, wie sich der Klimawandel bis zum Jahr 2100 weiterentwickeln wird – abhängig davon, wie viel CO2 und andere Treibhausgase die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten noch produziert.
Waren die Prognosen des IPCC korrekt?
„Die Prognosen des sechsten Sachstandsberichts haben sich in allem bewahrheitet“, sagt Niklas Boers, Professor für Erdsystemmodellierung an der Technischen Universität München und am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Es war also vor fünf Jahren schon absehbar, was wir in diesem Sommer erleben. Klimaprognosen sind jedoch keine Langzeit-Wettervorhersagen. Sie beschreiben langfristige Entwicklungen, wobei einzelne Jahre mal gemäßigt, mal heiß und trocken ausfallen können, mit zunehmender Tendenz zu letzterem.
Zwar hat der IPCC vor einigen Monaten bekanntgegeben, dass es das extremste Klimaszenario für das Jahr 2100 im nächsten Bericht, an dem auch Niklas Boers als Leitautor mitarbeitet, nicht mehr geben wird (externer Link). Das ist aber kein Eingeständnis eines Fehlers. „Für jeden neuen Bericht werden neue Szenarien entworfen, um dem Rechnung zu tragen, was zu dem Zeitpunkt Stand der Dinge ist“, erklärt er. Die Szenarien für den letzten Sachstandsbericht seien 2014 gestartet. Seitdem seien viele politische Entscheidungen gefällt und umgesetzt worden. Diese hätten dazu geführt, dass das neue Worst-Case-Szenario nicht mehr ganz so schlimm ausfalle wie das alte.
Waren die Warnungen des Weltklimarats zu zurückhaltend?
Die Treibhausgas-Emissionen sinken, doch der Klimawandel geht weiter und bereitet immer größere Probleme, wie die aktuelle Dürre in Deutschland (externer Link). Die Warnungen aus der Forschung vor diesen Entwicklungen waren aber nicht deutlich genug, sagt der Kommunikationswissenschaftler Stefan Lewandowski von der University of Bristol: „Es gibt Anzeichen, dass in der Klimawissenschaft die Leute zu vorsichtig waren. Weil sie Angst davor hatten, als alarmistisch eingestuft zu werden. Das war aber nicht alarmistisch, sondern alarmierend. Das ist ein großer Unterschied.“
Der Erdsystemforscher Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat die Erfahrung gemacht: „Ich werde angegriffen, wenn ich Klartext spreche: Ich würde die Leute nur verschrecken. Andere sagen, wir sind Teil des Problems, weil wir nicht klar genug sprechen.“
Wie Klimaforschende ihre Erkenntnisse in ihren eigenen Veröffentlichungen darstellen, können sie selbst entscheiden. Beim IPCC-Bericht hingegen gilt das Konsens-Prinzip. Im Prinzip müssen alle Autoren mit jedem Satz einverstanden sein, erklärt Niklas Boers: „Das führt dann notwendigerweise zu einer relativ konservativen Abschätzung. Das stärkt die Glaubwürdigkeit immens.“ Dies sei ein extrem wichtiges Prinzip dieser Berichte, das seine Ansicht nach unbedingt beibehalten werden sollte. Aber Boers sagt auch: „Teilweise, und das ist eine Tendenz, die wir auch in den Berichten davor gesehen haben, ist es noch etwas heftiger gekommen als vorhergesagt.“
Der Klimawandel ist eindeutig menschengemacht
Seit dem vierten Bericht 2007 waren sich die Autorinnen und Autoren einig, das für Forschende ungewöhnliche Wort „eindeutig“ zu verwenden: „Menschliche Aktivitäten haben eindeutig die globale Erwärmung verursacht, vor allem durch die Emission von Treibhausgasen“ lautete 2021 die Formulierung in der Zusammenfassung des Berichts für die Politik (externer Link).
Die Kurve der Erderwärmung geht bis 2100 steil nach oben und landet derzeit bei dreieinhalb Grad, mit einer Schwankungsbreite von einem halben Grad nach oben und unten. Im Alltag ist ein halbes Grad ein vernachlässigbarer Wert. Aber nicht beim Klimawandel, sagt Niklas Boers. In der Praxis wirke sich das deutlich auf die Menge aus, wie viel CO2 noch ausgestoßen werden darf, um einen Grenzwert, der gesellschaftlich akzeptiert ist, einzuhalten. Daraus ergäben sich dann erhebliche Unterschiede bei der Gestaltung der Anpassungs- und Vorsorgemaßnahmen.
Deshalb wird an noch genaueren Prognosen geforscht. Sicher ist aber: Der Klimawandel wird weitergehen, auch wenn die Treibhausgas-Emissionen sei dem letzten Bericht von 2021 etwas zurückgegangen sind.

