Der Anfang vom Ende beginnt surreal. Berlin ist noch im Tiefschlaf, die Sonne gerade aufgegangen, zwei Party-Kids reden im abklingenden LSD-Rausch glücklich aneinander vorbei. Zu sehen sind sie in diesem Moment noch nicht. Die Kamera schwebt richtungslos durch den wolkenlosen Himmel, steuert langsam auf ein Hochhausdach und das dort im Halbschlaf abhängende Paar zu. Ihr Leben ist im Schwebezustand – und bald nicht mehr dasselbe. Denn „Everytime“, der in Cannes preisgekrönte dritte Spielfilm von Sandra Wollner, ist ein Drama, das von Trauer, Schuld und Vergebung handelt.
Vom Drama zur Geistergeschichte
Der Tod, der all das auslöst, kommt leise und unerwartet. Und er verbannt die Hinterbliebenen in eine Parallelwelt, in der Emotionen unterdrückt werden, um weiter funktionieren zu können. Wollners dialogarme Visualisierung von Schmerz hat eine seltsam einnehmende Sogwirkung – grenzüberschreitend gut wird ihr Film jedoch erst im letzten Drittel, wenn sich die Handlung zu einer traumwandlerischen Geisterstory mit sehr viel Interpretationsspielraum wandelt.
„Mir ist nicht so ganz klar, wo ich die Geister in Mitteleuropa verorten kann“, erklärt Wollner im Interview ihre Faszination für das Thema, das sie schon als Heranwachsende in ihrer katholisch geprägten Heimat beschäftigt hat. „Wir haben alte Geschichten, wir haben alte Sagen über Hexen oder Sonstiges, aber tatsächlich spielen sie in unserem Alltag so gut wie keine Rolle mehr. Und ich glaube dennoch, dass sie präsent sind. Für mich sind Geister etwas, das sich aus unseren Erinnerungen und Vorstellungen ableitet.“
Spiel mit übersinnlichen Elementen
Verstorbene sind nicht verschwunden, sagt Wollner, sie leben in uns weiter, begleiten uns durch den Alltag. Unter anderem auch, weil man sie mit alten Handyaufnahmen jederzeit wieder zurückholen kann. Deswegen starren die Figuren in „Everytime“ auch ständig auf Monitore und Displays. Oder sie nehmen – wie die von Birgit Minichmayr irritierend kontrolliert gespielte Mutter – bewusstseinserweiternde Substanzen: in der Hoffnung, das zu sehen oder zu fühlen, was ihre 16-jährige Tochter kurz vor ihrem Tod empfunden haben könnte.
Weit öfter jedoch blicken die Filmfiguren in die Ferne – weil sie etwas sehen, das die Kamera nicht einfangen kann. Diese übersinnliche Ebene weckt Erinnerungen an Mascha Schilinskis Film „In die Sonne schauen“, der 2025 in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Auch ihre Geschichte folgte keinem bekannten Muster, bewegte sich teils im Metaphysischen, sorgte für Begeisterung, aber auch für Verwirrung. Was in gewisser Hinsicht gewollt ist. Denn weder Schilinski noch Wollner, die gut miteinander befreundet sind, schreiben Drehbücher nach Schema F. Eine Generation, die wagemutiger ist als andere Filmschaffende, sieht Wollner jedoch nicht. Eher eine zunehmende Aufgeschlossenheit für Unkonventionelles.
Regisseurin mit Interesse an Tabuthemen
„Es ist schon so, dass, gerade durch das Redaktions- und Fördersystem, viel glattgebügelt wird“, sagt sie. „Man möchte nachvollziehen, warum diese Figur etwas macht. Weil: Nur so können wir andocken. Oft sind aber diese kleinen Dinge interessanter, diese Unebenheiten. Ich glaube, das gab’s immer, aber vielleicht gibt’s jetzt ein bisschen mehr Gehör dafür.“
Man muss aber auch ein Gespür haben für solche Unebenheiten. Damit sie nicht abschrecken, sondern neugierig machen auf mehr. Wollner hat dieses Gespür auf jeden Fall. Das hat sie bereits mit ihren ersten beiden Spielfilmen bewiesen. Darin hat sie Tabuthemen wie Pädophilie und Abtreibung thematisiert. Sie zeigt, wovor andere die Augen verschließen. Und das auf eine so ungewöhnliche und diffus natürliche Weise, dass man gar nicht anders kann, als hinzusehen.

