Wenn an diesem Freitag das Buch „1999 Meter über dem Meer“ von Caroline Wahl erscheint, dann ist es nach „22 Bahnen“, „Windstärke 17“ sowie „Die Assistentin“ ihr viertes Buch innerhalb von vier Jahren. Die hohe Schlagzahl ist für die erfolgreichste junge deutschsprachige Autorin derzeit mehr Ansporn denn Anstrengung, sagt sie im Interview mit dem BR. „Ich mag diesen Druck an mich selbst und hoffe, dass ich diesen Rhythmus lange beibehalten kann.“ Dieser Modus führe eher dazu, „dass ich noch mehr Bock habe, schnell nachzulegen“.
„Wasser ist einfach nicht mein Element.“ Schon im ersten Satz von „1999 Meter über dem Meer“ wird klar, in diesem Buch ist etwas anders, denn wenn es eine deutsche Autorin gibt, die ausweislich ihrer Bücher das Wasser, das Meer, das Schwimmen liebt, dann dürfte das Caroline Wahl sein. Für ihr neues Buch habe sie sich gedacht: „Jetzt muss mal eine Protagonistin herkommen, die das Meer richtig scheiße findet und schwimmen gar nicht mag. Und eben lieber die Berge mag.“
Eine Hochstaplerin als Protagonistin
„1999 Meter über dem Meer“ ist eine Road Novel – es geht nach einem kurzen Beginn in Indonesien mit dem Auto nach Berlin, von dort ins Allgäu und schließlich ins Engadin. „So wie ich die Liebe zum Autofahren jetzt in den letzten Jahren gefunden habe, finden dann eben auch meine Protagonistinnen dazu, beziehungsweise Samara.“
Und diese Samara ist eine Art Felice Krull. Ein weiblicher Hochstapler, eine junge Frau, die alle an der Nase herumführt und sich selbst ständig in Schwierigkeiten bringt, durch die Lügen über sich selbst, die sie in die Welt setzt. Noch dazu sei sie, so erzählt es Wahl im BR-Interview, „auch noch so tollpatschig, ihr passieren die ganze Zeit dumme Dinge“. Etwa als sie bei einer Wanderung in ein Gewitter gerät und mit einem Greifvogel kämpft.
Das Hadern zwischen 20 und 30
Samara ist nicht auf den Mund gefallen und hat sich in einer Berliner Agentur, in der sie noch nicht lange arbeitet, sehr schnell durchgesetzt als äußerst geschäftstüchtige Junior-PR-Beraterin. Dennoch hadert sie mit sich, was durchaus typisch ist für einen Menschen zwischen 20 und 30, sagt Wahl.
„Dieser Schritt ins selbstbestimmte eigene Leben und vor allem diese Phase, wo man Berufseinsteigerin ist. Da hadert man ja total viel und hat total oft Angst, falsche Entscheidungen zu treffen oder denkt so, oh Gott, wo bin ich denn jetzt hier gelandet? Ich hatte ja ganz andere Ziele. Dieses Hadern, das kenne ich selbst auch sehr gut.“
Wut auf die von Männern dominierte Welt
So schwankt Samara zwischen Schwermut, lähmender, dunkler Angst vor Einsamkeit und zuweilen depressiven Episoden und einem Sich-Aufbäumen gegen eine Männer-Welt, die meint, alles kontrollieren zu müssen. Diese Wut, die sich bei all ihren Protagonistinnen einstellt, kennt die 31-Jährige Autorin aber auch selbst, sagt Wahl. Diese Wut „auf mich selbst, aber auch auf meine Umwelt, auf Ungerechtigkeiten“ sei dann auch der eigentliche Grund dafür, warum Samara anfängt zu lügen, „weil sie eben abgefuckt ist von ihrer Umwelt und weil sie meint, „jetzt reicht es, ich breche so ein bisschen aus und ich führe die ein bisschen an der Nase herum“.
Und wenn Samara sich sagt: „Vielleicht ist die einzige Chance, den dunklen Wolken zu entkommen, nicht mehr ich zu sein“ – dann spreche da auch ein wenig die Autorin, die ja ständig ihrem eigenen Ich entflieht, indem sie andere Ichs erfindet. Denn schreiben bedeute für die Autorin Wahl, „sich so Lebensrealitäten zu erschließen, die man nicht kennt. Und dann eben mit so einer Samara loszuziehen und auch mal so Sachen auszuprobieren, die man sich selbst vielleicht nicht trauen würde“. Auch Wahls jüngster Roman zeichnet sich durch viel Dialogwitz und eine Rasanz aus, die nicht allein der darin reichlich gefrönten Automobilität geschuldet ist.

