Bei PISA (externer Link) geht es nicht um Schulstoff oder konkrete Noten: Getestet wird für die Studie weltweit in über 90 Ländern, wie 15-Jährige ihr Wissen anwenden können. Ob sie Informationen aus Texten und Grafiken verstehen oder mathematische Probleme aus dem Alltag lösen können.
Deutschland liegt diesmal ungefähr im OECD-Durchschnitt. Im Vergleich mit den Ergebnissen der vergangenen 25 Jahre sieht es allerdings düster aus: In allen drei geprüften Bereichen sind die Leistungen so niedrig wie noch nie: Beim Lesen und in Mathematik erreicht rund jeder dritte Jugendliche in Deutschland das grundlegende Kompetenzniveau nicht, in den Naturwissenschaften etwa jeder vierte. Besonders deutlich zeigt sich der Abwärtstrend in Mathematik: 2015 waren es noch mehr als 500 PISA-Punkte, heute sind es 464. Die Aufholjagd nach dem ersten PISA-Schock sei vorbei, sagt der Leiter der deutschen PISA-Studie Samuel Greiff.
Warum gerade das Lesen Sorgen macht
Die Lesefähigkeit hat in vielen Ländern nachgelassen. Das sieht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die die PISA-Studie koordiniert, mit Sorge. Denn Lesen ist die Grundlage für fast alles weitere Lernen. Wer eine Textaufgabe in Mathematik nicht versteht, kann sie auch nicht lösen.
Längere und komplexe Texte zu verstehen, fällt vielen Jugendlichen schwer. Gleichzeitig hat international die Zahl der „hasty readers“ zugenommen. Das heißt, Jugendliche überfliegen die Texte nur hastig und geben dann häufig falsche Antworten.
OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher hält diese Entwicklung gerade im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz für alarmierend. Es gingen genau jene Fähigkeiten zurück, die wichtiger würden: Informationen kritisch hinterfragen, Zusammenhänge erkennen und einen eigenen Standpunkt entwickeln.
Eine mögliche Erklärung sieht die OECD im veränderten Leseverhalten. Das schnelle Überfliegen von Inhalten bei Instagram, TikTok und anderen Social-Media-Angeboten könnte dazu beitragen, dass konzentriertes Lesen schwerer fällt. Beweisen kann PISA diesen Zusammenhang allerdings nicht.
Andere Länder haben bessere Konzepte
PISA zeigt auch, dass es anders gehen kann. Singapur, Japan, Estland oder Korea zählen zu den Ländern mit den leistungsstärksten Bildungssystemen. Sie setzten nicht nur auf einzelne große Reformen, sondern steuerten kontinuierlich nach, betont Greiff.
Auch Kanada macht vieles richtig: Dort wird früh geschaut, wo ein Schüler Schwierigkeiten hat. Wer etwa beim Prozentrechnen Probleme hat, bekommt gezielte Unterstützung, deren Erfolg später überprüft wird. Estland wiederum setzt bei der Digitalisierung auf ein durchgehendes Konzept: Schon im Kindergarten sammeln Kinder erste digitale Erfahrungen, später lernen sie, E-Mails zu schreiben und Apps zu programmieren.
OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher sieht noch eine Gemeinsamkeit erfolgreicher Schul-Systeme: Es wird weniger Stoff vermittelt, dafür mit mehr Tiefe. Lehrkräfte hätten genug Zeit, Konzepte für einen guten Unterricht zu entwickeln und sich um einzelne Schüler zu kümmern.
In Deutschland entscheidet die soziale Herkunft
Ein Problem hält sich in Deutschland hartnäckig: Der Bildungserfolg hängt nach wie vor davon ab, aus welcher Familie ein Kind kommt. Die Unterschiede zwischen sozial privilegierten und benachteiligten Jugendlichen sind seit 2015 sogar größer geworden.
Dabei gehe es nicht um eine verkürzte Debatte über Migration, warnt Greiff: Die entscheidende Trennlinie verlaufe nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte, sondern zwischen Kindern aus privilegierten und benachteiligten Lebenslagen. In Naturwissenschaften beispielsweise schneiden Jugendliche aus privilegierten Verhältnissen deutlich besser ab.
England zeigt, dass sich gegensteuern lässt. Schulen erhalten dort für Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen zusätzliche Mittel und können selbst entscheiden, wie sie diese einsetzen. Benachteiligte Kinder haben dort deutlich bessere Chancen als in Deutschland.
Deutschland hat ein Umsetzungsproblem
Doch auch in Deutschland gibt es positive Ansätze. Greiff nennt das Startchancen-Programm: Es soll rund 4.000 Schulen mit schwierigen sozialen Voraussetzungen über zehn Jahre gezielt unterstützen. Bund und Länder stellen dafür 20 Milliarden Euro bereit.
An möglichen Lösungen mangelt es also nicht, so Greiff: Kinder früher fördern, Schwierigkeiten schneller erkennen, Schulen in schwierigen Lagen stärker unterstützen. Das Problem liege vor allem in der Umsetzung, erfolgreiche Ansätze flächendeckend und langfristig zu verankern. Die entscheidende Frage nach 25 Jahren PISA ist deshalb weniger, was Deutschland tun könnte. Sondern, ob es gelingt, das Wissen dauerhaft im Schulalltag umzusetzen.

