Ein neuer Fachbericht der Technischen Universität München [externer Link] sorgt für Aufregung. Die Autoren haben Studien zur Klimabilanz verschiedener Pkw-Antriebe ausgewertet. Ergebnis: E-Autos stoßen im Vergleich zu Benzinern und Diesel durchschnittlich 41 Prozent weniger CO₂-Emissionen aus und sind damit eindeutig die klimafreundlichste Antriebsart. Die Autoren kritisierten aber, dass für die EU-Kommission E-Autos zu 100 Prozent als klimaneutral gelten, da sich die Vorgaben für Neuwagen derzeit nur an den CO₂-Emissionen am Auspuff orientierten und andere Faktoren wie Materialien und Recycling nicht in Betracht ziehen. Im Fachbericht der TU wird deshalb empfohlen, die Bewertung grundlegend anders auszurichten.
Was ist der Inhalt des TUM-Fachberichts?
Die TUM hat für den Fachbericht keine neue Ökobilanz einzelner Autos berechnet. Für den Bericht wurden 19 Studien und Quellen mit 47 Szenarien ausgewertet. In rund 92 Prozent davon schneiden E-Autos besser ab als Benziner, im Mittel um 41 Prozent. Die Spanne reicht allerdings von 89 Prozent weniger bis 21 Prozent mehr Emissionen.
Die TU-Auswertung bestätigt damit zunächst den bekannten Klimavorteil des E-Autos. Mitautor Magnus Fröhling, Professor für Circular Economy an der TUM, erklärt aber im BR24-Interview: Beim Wechsel zur Elektromobilität sinken zwar die Auspuffemissionen, dafür würden Produktion und Entsorgung wichtiger. Ziel müsse es deshalb sein, „wirklich die Emissionen ganzheitlich von Pkw zu verringern“. Der Antriebsstrang bleibe dabei der größte Hebel. Zusätzlich sollten aber auch Materialien und Recycling berücksichtigt werden, um regulatorisch „gute Elektroautos von weniger guten Elektroautos unterscheiden zu können“. Man habe zeigen wollen, „was insgesamt das Bild in der Literatur“ sei, wie groß die Bandbreite ausfalle und wovon die Ergebnisse abhingen.
Wie der Bericht so viel Wirbel auslöste
In der medialen Berichterstattung wurde der Fachbericht der TU teilweise als Nachweis dafür gesehen, „E-Autos seien nicht klimaneutral“ [externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt], die Bild sprach von der „Auto-Lüge der EU“ [externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt]. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) forderte anschließend in der Bild am Sonntag [externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt] aufgrund der Studie: „Es braucht dringend das echte Aus vom Verbrenner-Aus der EU. Das belegt jetzt auch die Wissenschaft“.
Markus Lienkamp, Professor am Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik an der Technischen Universität München, der an der Studie selbst nicht beteiligt war, wundert sich gegenüber dem Science Media Center (SMC) über diese Interpretation: „Die Studie sagt: ‚Die vorangegangenen Ergebnisse zeigen deutlich den Klimavorteil von Elektroautos, der vor allem auf den (geringeren) Emissionen in der Nutzungsphase beruht.‘ Wie man daraus als Presse oder Politiker ein erforderliches ‚Ende des Verbrennerverbots‘ interpretieren kann, ist mir schleierhaft.“
Bilden die Daten noch moderne E-Autos und zukünftige Entwicklungen ab?
Kritik gibt es außerdem an der Vergleichbarkeit der untersuchten Studien. Ihre Annahmen unterscheiden sich bei der angenommenen Lebensfahrleistung, den Fahrzeuggrößen, Produktionsorten und Strommixen teils erheblich. Auch die Aktualität der verwendeten Studien ist umstritten. Markus Lienkamp weist darauf hin, dass zwar Publikationen ab 2020 ausgewertet wurden, diese nach seiner Einschätzung aber etwa auf Daten aus den Jahren 2018 bis 2024 beruhen. Das ließe in vielen Bereichen unberücksichtigt, dass sich bis 2030 „der CO₂-Ausstoß im Strommix weltweit und vor allem in der EU erheblich verringern wird. Das verschafft dem batterieelektrischen Auto gegenüber dem Verbrennungsmotor weitere erhebliche Vorteile.“
Magnus Fröhling bestätigt, dass Publikationen einen „gewissen Rücklauf“ bei der Datengrundlage hätten. Entwicklungen bei Batterien und Strommix seien deshalb im Bericht zusätzlich diskutiert worden. Er geht ebenfalls davon aus: Ein sauberer werdender Strommix werde den Klimavorteil von E-Autos künftig eher noch vergrößern.
Wurden nach wissenschaftlichen Methoden gearbeitet?
Die Autoren bezeichnen ihren Bericht als „explorative systematic review“, also als systematische Literaturauswertung, die ein Forschungsfeld breit erfassen soll. Statt ausschließlich klassische wissenschaftliche Literaturdatenbanken zu nutzen, suchten die Autoren allerdings zunächst mit KI-gestützten Recherchewerkzeugen wie Elicit, Perplexity, Claude und ChatGPT. Felix Creutzig vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung Berlin (PIK) kritisiert, diese Suchmethode entspreche nicht wissenschaftlichen Standards und sei schlecht reproduzierbar und wichtige Studien fehlten.
Fehlende Angaben zu Interessenkonflikten und wissenschaftlicher Begutachtung
Ein weiterer Kritikpunkt: Das TU-Papier bezeichnet sich zwar als wissenschaftlich fundierte und umfassende Analyse, mit dem Anspruch, die wissenschaftliche Grundlage für Empfehlungen zur anstehenden EU-Regulierungsdebatte liefern zu wollen. TUM-Fahrzeugtechniker Lienkamp kritisiert jedoch: Eine externe wissenschaftliche Begutachtung vor Veröffentlichung, ein sogenanntes Peer-Review, gab es nicht. Ein solches Verfahren ist vor allem bei Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften üblich. Er hätte als Gutachter jedenfalls umfangreiche Überarbeitungen verlangt.
Felix Creutzig vom PIK bemängelt zudem, dass eine Erklärung möglicher Interessenkonflikte und eine Finanzierungsdeklaration fehlen. Fröhling entgegnet, die Autoren sähen bei sich „keinerlei Interessenskonflikte“, im Bericht sei klar benannt, wer den Bericht beauftragt habe: der TU-Präsident Prof. Dr. Thomas F. Hofmann [externer Link]. Das begründet die TU-Pressestelle damit, dass sich die TU verpflichtet habe, „künftig Innovationen an der Schnittstelle von Technologie, Ökonomie, Politik, Gesellschaft und Ökologie zu erforschen und zu technologisch komplexen Fragestellungen Position zu beziehen, die für die industrielle Zukunft Europas von existenzieller Bedeutung sind.“

