Swifties aus der ganzen Republik werden bei der Überschrift „Helene Fischer: Die deutsche Taylor Swift?“ wütend aufgeschrien haben. Und das zu Recht. Auf den ersten Blick haben der amerikanische Superstar und die deutsche Schlagersängerin ungefähr so viel gemein wie Enya und Haftbefehl. Schaut man aber genauer hin, zeigt sich, dass nur ein anderes Konzertereignis Fischers Stadiontour diesen Sommer das Wasser reichen konnte: die Eras Tour von Taylor Swift vor zwei Jahren.
Die Outfits, die Technik und vor allem die Choreos waren mindestens swiftesque. Letztere lässt Fischer übrigens schon seit Jahren vom Cirque du Soleil entwickeln. Aber es gibt noch mehr Parallelen. Beide können verdammt gut singen. Beide sind bekanntermaßen absolute Perfektionistinnen. Und beide kamen ursprünglich aus einem anderen Genre in den Pop. Bei Swift ist das Country, bei Helene Fischer natürlich Schlager.
Ist Helene Fischer Pop?
Aber ist Helene Fischer wirklich Pop? Ihren ersten Fernsehauftritt hatte sie 2005 beim Hochzeitsfest der Volksmusik. Damals schmachtete sie noch im Abendkleid vor Studiopublikum schnulzige Liebeslieder mit Ex-Partner Florian Silbereisen in die ARD-Kameras. Heute fliegt sie im feuerroten Pailletten-Jumpsuit am Drahtseil durch die Allianz-Arena. Im Publikum und mit auf der Bühne: Stars der Gen Z wie Nina Chuba und die Elevator Boys.
Was ist passiert? Der Wandel von Helene Fischer vom biederen Schlagersternchen zur Pop-Ikone begann 2014. Im Weltmeistersommer von Brasilien performte sie „Atemlos“ live vorm Brandenburger Tor. Der Song orientiert sich harmonisch nicht am Schlager der 50er und 60er Jahre, sondern an modernen Pop-Akkordfolgen. Das und der einfache, aber tanzbare Beat machen „Atemlos“ bis heute zum Pflichtprogramm von 2000er Party bis Bierzeltbühne.
Aufstieg mit „Atemlos“
Auch im August war „Atemlos“ einer der Höhepunkte des München-Konzerts. Ganz anders als 2017. Da sollte Fischer im Berliner Olympiastadion auftreten – in der Halbzeitpause vom DFB-Pokalfinale. Fünf Minuten dauerte der Auftritt und fünf Minuten lang wurde Fischer ausgepfiffen. Es war ein Tiefpunkt ihrer Karriere. Der Vorwurf: Fischer ist Kommerz, ihr Auftritt in der Halbzeit ein Affront gegen den Sport. Der Song war gut, aber Fischer hatte damals noch das Image der aalglatten Schlagerkönigin aus Eis. Erst Jahre später wird sie das mit ihrem Social Media Auftritt ändern. Zum zehnjährigen Jubiläum von „Atemlos“ nimmt sie den Song nochmal neu auf, gemeinsam mit der Rapperin Shirin David. Ihr Duett mit Florian Silbereisen „Schau mal herein“ geht auf tiktok viral. Nina Chuba bezeichnet Helene-Hasser in ihrem Podcast als „Spießer“.
Und plötzlich tauchen immer mehr junge Menschen auf Fischers Konzerten auf. Sie singt von heiler Welt. Die hat in Zeiten von Polykrise und politischer Instabilität Konjunktur. Fischer selbst formuliert das am Rande des München-Konzerts im Interview mit Ingo Zamperoni so: „Ich weiß, dass ich mit meiner Musik nicht die Welt verändere. Aber ich glaube, diese Verbindung, diese Gemeinschaft zwischen den Menschen ist wichtiger denn je geworden.“
Von der Schlagerkönigin zur Pop-Ikone
Ihre Social-Media-Karriere macht sich zu einem generationenübergreifenden sozialen Schmiermittel. Eine, auf die sich alle einigen können. Eine Helene Fischer hat keine Skandale, bleibt immer freundlich und professionell. So wie Taylor eben. Über die Musik lässt sich freilich streiten. Aber nach diesem Sommer steht fest: Helene Fischer ist der größte Profi im deutschen Musik-Business und sie hat eine Tour gespielt, die zu Recht nicht nur an dieser Stelle mit der Eras Tour verglichen wurde. Und das macht sie zum größten deutschen Popstar unserer Zeit. Ob wir wollen oder nicht.
Die ganze Geschichte gibt’s bei Pop Secret Stories:

