Gerade hat die GEMA die meistgespielten Wiesn-Songs 2025 veröffentlicht und der Blick auf Platz 1 zeigt: Sobald Alkohol ins Spiel kommt, sind die Gesetze der Logik ausgehebelt. Denn da thront ein Lied, das selbst im nüchternen Zustand gar nicht so leicht ist, den Text fehlerfrei mitzusingen, geschweige denn zu verstehen.
Obendrein prangert der Interpret die Schattenseiten des Kapitalismus an, kritisiert den Ausverkauf der Heimat und Raubbau an der Natur: „Ein jeder weiß, dass das Geld nicht auf der Wiese wächst und essen kann man es auch nicht. Aber es brennt gut.“ Soweit die hochdeutsche Übersetzung von „Brenna tuats guad“ von Hubert von Goisern.
Eingängig, rhythmisch, bairisch-alpenländisch
Der Alpenrap-Song funktioniert trotzdem so gut in Festzelten, weil er den Wiesn-Hit-Dreiklang beherrscht: Eingängigkeit, Rhythmus und einen dialektalen, bairisch-alpenländischen Einschlag. Hinzu kommt die vielleicht wichtigste Wiesn-Hit-Zutat: die Dynamik. Von leise zu laut. Von ruhiger Strophe bis zum Refrain-Ausbruch, den man selbst mit 5,3 Promille nicht überhören kann. In Perfektion beherrscht dieses Spiel mit der Dynamik dieser Evergreen: „Sweet Caroline“ von Neil Diamond.
„Sweet Caroline“: Das Mitgröl-Prinzip
Der Refrain nimmt da Anlauf wie der Wiesnbesucher beim Toboggan, einem der ältesten Fahrgeschäfte aufm Oktoberfest, wo man mit einem Laufband nach oben fährt und die meisten lustig umeinander fallen. Der Refrain von „Sweet Caroline“ ist leicht mitzusingen: Es gibt repetitive Mitgröl-Momente, in denen das Publikum zum Antwort-Chor mutiert mit gemeinschaftsstiftenden „So good, so good, so good!“-Rufen bei gleichzeitig niedrigen Text- und Sprachbarrieren und – schwups – fangen die Nostalgiegefühle an, Karussell zu fahren, und die bierbankübergreifenden Schunkeleien setzen automatisch ein.
Dieses „Erst-Schunkeln-dann-laut-Mitgrölen“-Prinzip – das beherrschen die weiteren Wiesn-Hit-Dinosaurier wie „Angels“ von Robbie Williams, „Fürstenfeld“ von STS oder „Sex on Fire“ von den Kings of Leon nahezu perfekt. Songs, die ihren festen Stammplatz in der GEMA-Wiesn-Hit-Liste haben.
Lediglich zwei neue Lieder haben es geschafft, in die Top 10 vorzudringen: „Bella Napoli“ von den Augsburger Schlagerkönigen „Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys“ sowie „Wackelkontakt“ vom Oimara.
„Wackelkontakt“ mit dem Quäntchen Originalität
Der Song hämmert sich buchstäblich unter die Großhirnrinde. Wackel-wackel-wackel-wackel-Wackelkontakt kann man auf Anhieb mitsingen. Allein schon Strophen- und Refrain-Anfang sind supereingängig: „Wär ich ein Möbelstück….dann wär ich eine Lampe aus den 70ern“.
Bemerkenswert: Der Song war zuerst im Kölner Karneval ein Hit und wackelte sich dann zur Wiesn wieder zurück nach Bayern. Warum? Weil auch das nötige Quäntchen Originalität drinsteckt. Das Lied verleitet zur Verkleidung, die Lampenmetapher ist stimmig und mit dem Techno-Geballer im Refrain zieht der Song natürlich auch und vor allem die Jugend auf die Tanzfläche beziehungsweise auf die Bierbank.
Völlig losgelöst mit Major Tom
Ein Lied, das in den vergangenen Jahren wieder noch Wiesn-hittiger geworden ist: Major Tom von Peter Schilling – was vor allem auch damit zu tun hat, dass es ja der offizielle Torjubelsong der deutschen Fußballnationalmannschaft der Männer ist.
Und obendrein: Völlig losgelöst von der Erde – bei der derzeitigen Weltlage wünscht man sich diese Flucht vor dem irdischen Wahnsinn grad auch ein bisschen mehr. Egal, ob im Bierzelt oder im echten Leben.

