„Ich bin Journalistin first and foremost, aber ich sehe mich auch ein wenig als Botschafterin zwischen beiden Ländern“, sagt Annette Dittert über ihre Beziehung zu ihrem Heimatland Deutschland und ihrer Wahl-Heimat Großbritannien, „in beide Richtungen: Ich schreibe jetzt auch viel für britische Medien über Deutschland“. Sie sitzt in ihrem Hausboot Emilia, das auf dem Londoner Regent’s Kanal liegt. Ein Ort, der für ihr Heimischwerden in Großbritannien steht, inklusive des kleinen Gärtchens vorne am Ankerplatz. Seit dem vergangenen Jahr hat Dittert außer der deutschen auch die britische Staatsbürgerschaft.
In ihrem Bestseller „Dear Britain“ (DuMont Verlag), der jetzt zum Bayern 2-Lieblingsbuch erkoren wurde, kommen Boot und Garten mehrfach vor. Dittert erzählt persönlich und aus ihrer Liebe zu Großbritannien macht sie keinen Hehl. Aber ihr Anliegen ist klar: erklären, was eigentlich los ist auf dieser Insel, zehn Jahre nach dem Brexit.
Besondere Beziehung zu Deutschland
Besonders das deutsche Publikum verfolge das mit Interesse. „Die Deutschen waren wohl am stärksten enttäuscht in Europa nach dem Brexit – das war ja fast, als ob die Briten eine Beziehung beendet hätten“, meint Dittert, wenn sie über den Erfolg ihres Buches spricht. „Aber diese Trauer, dieser Ärger und das Gefühl der Zurückweisung haben sich inzwischen etwas gelegt und gleichzeitig ist wieder ein großes Interesse entstanden.“ Dabei gehe es dann auch um deutsche Befürchtungen beim Umgang mit dem Rechtspopulismus, dessen erster großer Ausbruch der Brexit gewesen sei. Oft, sagt Dittert, komme bei ihren Lesungen die Frage: „Kommt man da wieder raus?“
Der neue Premier Andy Burnham habe für ein bisschen Optimismus gesorgt, so lautet die derzeitige Antwort der langjährigen Londoner ARD-Korrespondentin – doch wie lange wird das halten? Auch Burnhams Labour-Regierung sei mit dem Problem der leeren Kassen konfrontiert und dem zunehmenden Vertrauensverlust der Briten in die eigenen Institutionen. Die erschütternde Armut, die auseinanderstrebenden Identitäten unter dem Mantel der „Britishness“, die weitgehend private britische Landschaft, die marode öffentliche Versorgung, Stichwort: Abwasser-Problem – in ihrem Buch beschreibt die Journalistin viele Szenen und Begegnungen. Neu sei ein „tief sitzender Zynismus“, wie sie ihn in ihren vielen Jahren auf der Insel noch nicht erlebt habe.
Erkenntnisreiche Widersprüche
Die Mischung aus Analyse und Reportage macht „Dear Britain“ zum unterhaltsamen Buch, das glücklicherweise die Klischees von skurrilen Briten und skandalösen Royals weitgehend vermeidet. Dittert greift Stereotype lieber auf, um sie in neue Zusammenhänge zu bringen: die Leidenschaft fürs Gärtnern mit der Verdrängung der kolonialen Vergangenheit, die Fish-and-Chips-Idylle am Meer mit den überforderten Kläranlagen (die gleich am Strand überlaufen). Oder eben König Charles – ein Monarch in einer Rolle als Garant der Demokratie. Dabei nimmt die Journalistin ihre Leserinnen und Leser immer mit, ob ins House of Lords, in den Themse-Schlamm oder zum Protestmarsch, der Blick aufs Wetter als kleiner Running Gag inklusive.
Fast 20 Jahre hat Dittert über all das für die ARD berichtet und war Millionen Fernsehzuschauern als Korrespondentin vertraut. Ende vergangenen Jahres hat sie die ARD verlassen, um sich eigenen Projekten zu widmen. Diesem Buch zum Beispiel, für das sie nur mit Papier und Bleistift unterwegs war in Großbritannien, ohne aufwendige Technik und Kamerateam. Das habe sehr intensive Begegnungen möglich gemacht. Einen neuen Podcast startet sie auch gerade, der genauso heißt wie das Buch: „Dear Britain“.
Für ihre Vermittlungsarbeit zwischen Deutschland und Großbritannien bekam sie vor kurzem das Bundesverdienstkreuz. Dass Großbritannien im deutschen Publikum ein großes Thema ist, gehört dabei zu den Dingen, die Dittert ihren britischen Freunden gerne erzählt. Viele von ihnen haben gegen den Brexit gestimmt. Die Botschaft sei einfach. „Hey – the Germans still love you!“

