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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > 67 Exorzismen: Der Fall Anneliese Michel
Kultur

67 Exorzismen: Der Fall Anneliese Michel

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 1. Juli 2026 09:50
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Rund jeder vierte Deutsche geht sicher oder eher davon aus, dass Teufel, Dämonen oder Besessenheit existieren. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Katholischen Nachrichten-Agentur hervor, für die deutschlandweit mehr als 2.500 Erwachsene befragt wurden.

Inhaltsübersicht
Katholischer Exorzismus soll „Dämonen austreiben“Exorzismen im Elternhaus und im StudentenwohnheimVatikan: Sichergehen, dass keine Krankheit vorliegtExpertin: Besessenheitsrituale heute in anderen Milieus en vogue

Katholischer Exorzismus soll „Dämonen austreiben“

„Satan ist auf der Welt aus Hass gegen Gott“, heißt es im katholischen Katechismus, dem offiziellen Glaubenslehrbuch der Kirche. Sein Wirken bringe „schlimme geistige und mittelbar selbst physische Schäden über jeden Menschen“. Als Mittel dagegen kennt die katholische Kirche den sogenannten großen Exorzismus: ein Gebetsritual, das dazu dienen soll, „Dämonen auszutreiben oder vom Einfluss von Dämonen zu befreien“.

Eben dies sollte vor 50 Jahren auch bei Anneliese Michel erreicht werden. Die damals 23-jährige Studentin kam aus einem streng katholischen Elternhaus im unterfränkischen Klingenberg am Main. Im Teenageralter stellte ein Neurologe bei ihr Epilepsie fest, später befürchtete er die Entwicklung einer paranoiden Psychose.

Exorzismen im Elternhaus und im Studentenwohnheim

In Anneliese Michels Elternhaus lag eine religiöse Deutung ihrer Auffälligkeiten näher, bestärkt durch ihr religiöses Umfeld, das geprägt war von der wundergläubigen Volksfrömmigkeit um den von der Kirche nicht anerkannten Marienwallfahrtsort San Damiano in Norditalien.

„Sie hat mir erzählt, wie man ihr zu Hause und auch noch in Würzburg eingeredet hat, sie sei besessen“, sagt Mechthild Westiner. Ab Herbst 1975 wohnte sie mit Anneliese Michel auf demselben Stockwerk eines Würzburger Studentenwohnheims. „Sie selbst hat das nicht geglaubt, sondern wollte ein modernes, offenes Leben führen“, sagt Westiner. Wohl wusste sie von Annelieses medizinischen Diagnosen – aber nicht, dass ihr Umfeld längst einen Auftrag zum Exorzieren erwirkt hatte. Und zwar beim zuständigen Bischof, wie es für das große Exorzismusritual der katholischen Kirche nötig ist.

„Gott möge uns helfen“, steht in dem Schreiben des Würzburger Bischofs Josef Stangl, mit dem Hinweis: „streng vertraulich“. Von September 1975 bis zum Vorabend ihres Todes wurde Anneliese Michel mindestens 67-mal exorziert – in ihrem Elternhaus und zeitweise auch in ihrem Einzelzimmer im Würzburger Studentenwohnheim. „Die haben mir die Teufelsaustreiber immer als Ärzte vorgestellt“, erinnert sich Mechthild Westiner, die Anneliese ein letztes Mal sieht, als diese zu Ostern 1976 zurück nach Hause geholt wird. Dass Anneliese am Ende nur noch ihren Exorzisten und keinen Ärzten mehr anvertraut ist, ahnt ihre Studienfreundin nicht.

Vatikan: Sichergehen, dass keine Krankheit vorliegt

Laut Katechismus von 1997 muss sichergestellt werden, „dass es sich wirklich um die Gegenwart des bösen Feindes und nicht um eine Krankheit handelt“, bevor man ein solches Exorzismusritual wie bei Anneliese Michel durchführt. In der katholischen Kirche besteht seit dem „Fall Klingenberg“ Konsens darüber, dass psychisch belastete Menschen zuerst und vor allem medizinisch-therapeutische Hilfe bekommen sollten – zumindest in Deutschland.

Im Bistum Würzburg habe seit dem „Fall Klingenberg“ kein Bischof mehr einen solchen Exorzismus in Auftrag gegeben, heißt es auf BR-Anfrage. Die sechs anderen bayerischen Bistümer haben auf BR-Anfrage keine Zahlen genannt.

Expertin: Besessenheitsrituale heute in anderen Milieus en vogue

Die Grazer Religionswissenschaftlerin Nicole Bauer beschäftigt sich seit Jahren mit Exorzismus. Besessenheits- und sogenannte Heilungsrituale spielten hierzulande in charismatischen und pfingstlich geprägten christlichen Milieus inzwischen eine prominentere Rolle als in der katholischen Kirche. „Dort wird sehr häufig von dämonischen Belastungen gesprochen und Befreiungsgebete werden teilweise auch regelmäßig praktiziert“, sagt Bauer.

Umso wichtiger sei es da, an den Fall Anneliese Michel zu erinnern, wo man sich in einem religiös abgeschotteten Zirkel gegenseitig im Besessenheitsglauben bestätigte. 1978 wurden Anneliese Michels Eltern und ihre beiden Exorzisten vom Aschaffenburger Landgericht zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt – wegen fahrlässiger Tötung. Die Ermittlungen gegen den Würzburger Bischof, der den Exorzismus in Auftrag gegeben hatte, wurden eingestellt, weil er nie persönlich Kontakt mit Anneliese Michel hatte. Die 23-Jährige verstarb abgemagert am 1. Juli 1976 in Folge einer Lungenentzündung.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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