Astrid Rank betreibt es seit rund zwanzig Jahren: Bookcrossing. Auf die Idee gestoßen ist sie durch einen Zufallsfund. „Ich hatte einen Lehrauftrag an der Uni in Eichstätt, es war Januar, ich bin in der Pause rausgegangen und da lag auf einer Bank plötzlich ein BookCrossing-Buch“, sagt Rank.
Bei BookCrossing registriert man gelesene Bücher online, gibt ihnen eine Trackingnummer und legt sie dann etwa auf eine Parkbank, ins Wartezimmer oder klassisch in einen Bücherschrank. Wer das Buch findet, kann sich online in ein Logbuch eintragen. Im besten Fall reisen die Bücher um die Welt. Die Cartoon-Sammlung „Der seltsame Bücherfreund“ von Gerard Hoffnung ist das Buch, das am häufigsten weitergegeben wurde: 650 Mal, und das in über 20 Jahren, von Köln über Neuseeland bis in die USA.
Leseförderung durch BookCrossing
Die Plattform [externer Link] gibt es seit 2001. Astrid Rank ist fast von Anfang an dabei, seit dem Tag im Januar in Eichstätt, als sie zum ersten Mal ein Buch fand. Mehr als 13.000 Bücher hat sie seitdem registriert, im Schnitt fast zwei pro Tag. Rank ist Grundschulpädagogin an der Universität Regensburg und betreibt im niederbayerischen Kelheim einen Bookcrossing-Bücherschrank: „Ich bin von Beruf Grundschullehrerin und halte natürlich viel davon, wenn Kinder lesen. BookCrossing ist für mich eine niedrigschwellige Art, Leute zum Lesen zu bringen.“
Astrid Rank ist eine von rund 1,2 Millionen BookCrossern weltweit. Deutschland liegt nach Angaben der Plattform auf Platz drei der Länder mit den meisten Nutzern. Seit 2025 ist die Mitgliederzahl um mehr als eine halbe Million gesunken. Laut Bookcrossing liegt das an der Löschung zahlreicher Spam-Accounts und einer veränderten Mitgliedererfassung. Josie Forshaw, Channelmanagerin der Plattform, sagt, dass die Zahl der Neuanmeldungen sogar steige. Eine genaue Zahl kann sie nicht nennen.
Plattform veraltet – aber charmant!
Viele der aktiven BookCrosser, die Astrid Rank kennt, sind heute um die 50 Jahre alt. Viele sind vor rund zwanzig Jahren eingestiegen – und geblieben. Zwar boomen Booktok und Bookstagram, doch BookCrossing altert.
Als das Projekt 2001 startete, war die Idee des Trackings von Büchern neu. Das US-amerikanische Gründungsteam ließ sich von Projekten wie „Where’s George“ inspirieren, mit dem man Banknoten nachverfolgen konnte. Ein zufällig gefundenes Buch und eine bibliophile Internet-Community: Das war damals aufregend. Heute konkurriert Bookcrossing mit Apps wie Pokémon Go, Geocaching und Social Media insgesamt. Während diese mobil funktionieren, betreibt man Bookcrossing noch immer am Desktop. Die Website hat sich kaum verändert: kein Algorithmus, unmoderierte Foren, wenig kommerziell, fast wie ein Relikt aus der Frühzeit des Internets.
Bücherschränke verwässern die Grundidee
Doch etwas hat sich verändert: Immer weniger Bücher werden abseits von Bücherschränken ausgelegt, so auch bei Astrid Rank: „Das wilde, freie Aussetzen ist deutlich weniger geworden, und ich setze viel mehr in den großen Bücherschränken aus. Das wird in den BookCrossing-Foren kontrovers diskutiert, ob das der Idee nicht zuwiderläuft, die lautet: „make the world a library“, die ganze Welt als Bibliothek. Das hat sich durch die Omnipräsenz der vielen Bücherschränke ein bisschen reduziert.“
In Bücherschränken ist es meist ordentlich, trocken und sauber, aber auch wenig überraschend, ein Buch zu finden. Die zahlreichen Bücherschränke verwässern die ursprüngliche Idee von Bookcrossing. Josie Forshaw, aus dem Bookcrossing-Kernteam, ist trotzdem optimistisch: „Wir glauben, dass BookCrossing als globale Graswurzelbewegung weiterhin florieren wird. Auch wenn sich Technologie und Lesegewohnheiten weiterentwickeln, bleibt die einfache Freude, ein Buch zu finden, das jemand absichtlich zurückgelassen hat, nach wie vor groß.“
Ein Relikt aus den frühen Zeiten des Internets
Astrid Rank bestückt ihren Bücherschrank in Kelheim weiterhin täglich. Bei Community-Treffen hat sie Freundschaften geknüpft: „Du gehst da hin und du bist einfach jemand, der Bücher liebt, egal wo du ansonsten herkommst.“
BookCrossing wirkt heute wie ein digitales Fossil. Vielleicht ist genau das das Problem – und zugleich eine Stärke: Während andere Plattformen wachsen, investieren und monetarisieren, ist BookCrossing eine Nische geblieben. Ein Internet-Underdog, der überlebt hat, obwohl sich die Welt längst weitergedreht hat.

