Marianne Farrère ist reich: großes Haus, Angestellte, Essen vom Feinsten. Dem 13-jährigen Enkel schenkt sie zur Bar Mizwa seine erste Million. Marianne ist Geschäftsfrau, leitet einen Weltkonzern mit 88.000 Mitarbeitern, aber dass man am Getränkeautomaten eine Münze einwerfen muss, weiß sie nicht. Zum Frühstück liest der Butler den Tagesplan vor: Physiotherapie, Treffen mit dem Verwaltungsrat, Mittagessen mit hochrangigen Politikern – und ein Interview mit Fotoshooting.
Auftritt Pierre-Alain Fantin, Fotograf, Romancier, Künstler und vor allem: ein Charmeur. Vom ersten Moment an wickelt er die verheiratete Marianne um den Finger, wird zwar nicht ihr Liebhaber, aber ihr bester Freund. Er inspiriert sie, bringt sie zum Lachen, zeigt ihr eine Welt, die sie nicht kennt: Er nimmt die ältere Dame mit in die Disko. Dort, wo niemand sie kennt, fühlt sie sich vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben so richtig frei. Marianne lebt auf, ist weniger krank, fühlt sich, als sei sie einem Sarkophag entstiegen.
Ganz oben ist es einsam
Doch Pierre-Alain ist ein furchtbarer Typ: Er ist vulgär, arrogant und respektlos, pinkelt in den Garten und droht dem Butler mit größerem. Auch Marianne provoziert er, sagt ihr, dass ihr Geld schmutzig sei und von der Kollaboration ihres Vaters mit den Nazis herrühre – und nimmt die großzügigen Schenkungen trotzdem gern an. Nach und nach entpuppt sich dieser Freund als Mephisto: Marianne bringt er das Glück, die Familie aber sieht in ihm das reine Böse.
Als Zuschauer verträgt man diesen grenzüberschreitenden Rüpel nur, weil er so fantastisch gut spielt: Vollkommen zu Recht wurde Laurent Lafitte für seine Rolle als zweifelhafter Freund mit einem César als bester Schauspieler ausgezeichnet, auch Isabelle Huppert überzeugt auf ganzer Linie: Die machtbewusste Geschäftsfrau nimmt man ihr genauso ab wie die Momente, in denen sie neben der schleimigen Komplimentbombe zum liebesbedürftigen Kind wird. Man spürt ihre Lust sich endlich einmal frei zu fühlen und das Leben zu genießen und doch werden diese Momente des Glücks stets auch von einem kleinen Schrecken über sich selbst begleitet. Es ist ihre Tochter, die dem Spuk ein Ende setzt.
Geld, Gier, Gericht – und das Glück bleibt auf der Strecke
„Die reichste Frau der Welt“ wird als Komödie vermarktet, das ist ein bisschen irreführend. Pierre-Alain bringt Marianne zum Lachen, sonst aber ist hier gar nichts witzig. „Die reichste Frau der Welt“ ist ein Film über Werte und Glück, über Vertrauen und den Wunsch geliebt zu werden.
Inspiriert ist der Film von der sogenannten „Bettencourt-Affäre“: Die französische L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt hatte einem befreundeten Fotografen über mehrere Jahre hinweg fast eine Milliarde Euro in Form von Gemälden, Immobilien, Schecks und Lebensversicherungen geschenkt, wenig später flogen ihre illegalen Parteispenden an den damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy auf. Auch die Verstrickungen französischer Industriellenfamilien mit dem Vichy-Regime greift der Film auf.
Doch Regisseur Thierry Klifa ist das Kunststück gelungen, aus diesem durchaus schweren Stoff einen leichten, temporeichen und sehr bunten Film zu machen – Isabelle Huppert trägt 70 verschiedene Outfits! Die Tragik der Geschichte bleibt trotzdem spürbar: Die Einsamkeit zum Beispiel, die Mariannes Position mit sich bringt. Denn das wird trotz Komödienfassung sehr deutlich: Menschlichen Beziehungen ist Geld nicht gerade zuträglich.

