Da muss das Theater eigentlich immer verlieren, wenn es mit einem populären, wegweisenden Film wetteifern will. Der Bühne fehlen technische Mittel, sie kann nicht so effektvoll sein wie Hollywood, auch nicht so rasant, so bildstark, so opulent. Aber damit nicht genug: Wer einen Film nachinszenieren will, muss natürlich bei den Rechteinhabern anfragen, und die sind bisweilen sehr anspruchsvoll.
Mario Eick, der Leiter des Theaters für die Jugend im oberbayerischen Burghausen, kann davon ausführlich erzählen. Er hatte sich vorgenommen, Charlie Chaplins Meisterwerk „Der Große Diktator“ von 1940 auf seine kleine Bühne zu bringen. Klar, es wäre das Stück der Stunde angesichts all der Verführer von ganz rechts, die derzeit Europa und die Welt in Atem halten.
„Chaplin ist auch eine Marke“
Doch mit dem „Großen Diktator“ darf Mario Eick entgegen der ursprünglichen Planung nicht werben, wie er dem BR erklärt: „Bei Charlie Chaplin ist ja der Punkt: Man hat einerseits den Film und man erzählt diesen Film, und dann gibt es ja diese sogenannten ikonischen Szenen, die jeder kennt, die gesondert geschützt sind. Dann kommt noch ein nächster Schritt hinzu: Die Person Chaplin selbst ist auch eine Marke. Also da gibt es schon viele große, interessante Dinge, die man beachten muss.“
Wie sich herausstellte, war es nicht möglich, die komplexen Ansprüche der Rechteinhaber zu erfüllen. Trotzdem spielt das Theater für die Jugend ein Stück, dessen Motive dem „Großen Diktator“ entlehnt sind. So spielt ein aufblasbarer Globus eine besondere Rolle.
„Freiheit ist durchgestrichen“
Mario Eick: „Es geht uns in unserem kleinen Theater nicht darum, mit dem Namen Charlie Chaplin Werbung zu machen, um die 60 Plätze, die wir haben, vollzukriegen.“ Es geht um die Geschichte und die Aktualität dessen, was wir vorhaben. Wir haben schon in den Proben umgearbeitet und wir haben das Stück dann auch umgetauft und jetzt ‚Die Große Freiheit‘ genannt. Da kann man natürlich an Hamburg denken, aber der Witz ist: Die Freiheit ist durchgestrichen, und dann sind wir der ganzen Geschichte, wo wir hinwollten, wieder sehr nah. Es ist jetzt eine Komödie, die nicht von Charlie Chaplin ist, und wir können sie rechtefrei spielen.“
Bemerkenswert: Fast alle autoritären Herrscher sind ja tatsächlich hervorragende Entertainer, wissen ihr Publikum in den Bann zu schlagen. Keineswegs immer nur mit politischen Botschaften, oft auch mit Gags, Witzen, bizarren Abschweifungen. Das gilt auch für demokratisch gewählte Egozentriker wie Donald Trump, dessen Reden seine Gegner als wirr und ziellos kritisieren, seine Fans aber als unterhaltsam und inspirierend zu schätzen wissen.
„Wahrheit ist doch eigentlich konkret“
„Nehmen wir zum Beispiel Erdogan, wenn man den beobachtet, ist der absolut wie ein Comedian, er hat die linke Hand in der Hosentasche, die Rechte am Mikrofon, dann läuft er hin und her und dann macht er seine Witzchen“, so Mario Eick: „Die haben alle immer wieder komödiantisches Potenzial und das macht die ganze Sache ja auch so irrsinnig, weil man sich auf einmal fragt, ist das jetzt schon Fiktion oder ist das noch Realität und das vermischt sich, diese Verkürzung der Wahrheit, nennen wir es mal so, die präsentiert wird. Das ist ja wirklich etwas, wo einem Angst und Bange wird. Um es mit Bertolt Brecht zu sagen: Die Wahrheit ist doch eigentlich konkret.“
Beklemmend, diese theatralische Studie, die mit einfachsten Mitteln auskommen muss. Das nur fünfköpfige Ensemble mit Bálint Walter, Emily Schmeller, Anna Merz, Susann Hecker und Werner Schwarz beeindruckt in dieser ziemlich trashigen Farce, die gerade durch ihren bescheidenen äußeren Aufwand überzeugt. Wo gibt es sonst schon einen Wurstverkäufer, der mangels Würstchen nur noch deren heißen Dampf verkauft, der allerdings von gewalttätigen Fanatikern gierig eingeatmet wird?
„Die Große Freiheit“, bis 10. Juli in Burghausen, Pfarrkirchen, Dingolfing, Trostberg und Kemnath.

