Stonehenge, das ist zunächst mal Ingenieurskunst, bei der einem die Spucke wegbleibt: Ein Kreis aus bis zu 40 Tonnen schweren Monolithen, 5 Meter hoch, mit bis zu 7 Meter langen Deckplatten verbunden. Erbaut wurde der Steinkreis vor 5000 Jahren, also in der Steinzeit, sprich: ohne Werkzeuge aus Eisen oder Stahl, ohne Kräne, ohne Räder oder sonstige Maschinen. „Stonehenge ist auch aus archäologischer Perspektive ein Platz der Superlative. Man steht da auch mit jahrelanger Erfahrung im Fach und staunt einfach nur“, sagt Heiner Schwarzberg von der Archäologischen Staatsammlung München.
Jahrhundertelanges Rätselraten
Nicht nur bautechnisch, sondern auch aus organisatorischer Sicht sei Stonehenge verblüffend, sagt er. Man müsse davon ausgehen, dass Hunderte Menschen die gewaltigen Steine bewegt hätten. Dafür habe es einen Plan geben müssen und Personen, die den Baufortschritt vorangetrieben hätten. Schließlich sei ein solches Denkmal nicht innerhalb von 14 Tagen entstanden. Über einen langen Zeitraum hinweg seien Menschen aus den verschiedensten Teilen Großbritanniens zusammengekommen. Diese hätten versorgt werden müssen – auch deshalb sei die soziale Komponente von Stonehenge bemerkenswert, erklärt Schwarzberg.
Seit 1000 Jahren haben sich Gelehrte, Wissenschaftler und Hobbyforscher den Kopf darüber zerbrochen, wie und vor allem warum Stonehenge gebaut wurde. Zwischendurch galt der Steinkreis auch mal als Beweis für die Existenz von Riesen, Zauberern oder Außerirdischen.
Hilfe aus Madagaskar
Dann aber zeigte der britische Archäologe Mike Parker Pearson einem Kollegen die Anlage, mit dem er zuvor Bestattungsrituale in Madagaskar erforscht hatte. Und für den war die Sache klar: Stein ist für die Ahnen und Holz ist für die Lebenden. Denn Stein ist ewig und Holz ist vergänglich – wie wir.
Tatsächlich gibt es nur drei Kilometer von Stonehenge entfernt eine ganz ähnliche Kreisanlage aus Holz: Woodhenge. Und so starteten 2003 neue Ausgrabungen, die viele Geheimnisse lüften konnten. Das Ergebnis: Stonehenge ist ein Monument zur Ehrung der Verstorbenen, kein Tempel für einen Götterkult. Daran ändert auch die bereits bekannte Ausrichtung der Steine auf den Sonnenauf- und -untergang zur Winter- und Sommersonnenwende nichts. Und dann sind da noch die Steine selbst: „Eine der wichtigsten Entdeckungen kommt von den Geologen“, sagt Mike Parker Pearson. Alle Steine kämen von anderen Orten, manche aus Wales, das 220 Kilometer entfernt liege, andere von der Südküste. Eine wirklich schockierende Entdeckung sei gewesen, dass der Altarstein in der Mitte aus dem Norden Schottlands stamme – rund 900 Kilometer entfernt.
Stein für die Toten, Holz für die Lebenden
All diese neuen Erkenntnisse über Stonehenge zeigt die Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung München anhand von Modellen, Nachbauten, großen Dioramen und Videos, dazu kommen mehr als 600 originale Funde aus der Steinzeit: aus Geweihen gefertigte Hacken, mit denen die Löcher zum Aufstellen der Monolithe gegraben wurden, Steine, mit denen die Monolithe bearbeitet wurden oder Nadeln aus Knochen, gefunden im Abfall der Siedlung neben Stonehenge. All diese Funde beweisen laut Mike Parker Pearson, „…dass Menschen diese Steine dorthin gebracht haben, keine eiszeitlichen Gletscherbewegungen. Stonehenge ist nicht nur ein Ort der Ahnen, es ist auch ein Ort, an dem die Menschen Britanniens zusammenkamen, die Steine sind das Sinnbild ihrer Identität und ihrer Verbundenheit zum Land.“
Die Ausstellung „Stonehenge. Uralte Geheimnisse, neue Entdeckungen“ ist bis zum 29. August 2027 in der Archäologischen Staatssammlung München zu sehen.

