Viel Bewegung scheint nicht in der internationalen Kunstwelt zu sein, denn auf der diesjährigen Liste der einflussreichsten Persönlichkeiten [externer Link] der Branche vom US-Magazin TIME finden sich lauter Prominente. Wichtig dabei: Das Nachrichtenblatt ordnet die Ausgezeichneten nicht nach Rangfolge, sondern porträtiert die erwähnten Künstler nach Kategorien wie „Leaders“ (Führungskräfte), „Titans“ (Titanen) und „Icons“ (Ikonen), wobei die Abgrenzung nicht immer plausibel anmutet.
„Queeres Leben entstigmatisiert“
Turner-Preisträger Wolfgang Tillmans, der aus Remscheid stammt und das AIDS-Memorial am Sendlinger Tor in München schuf, wird unter der Kategorie „Leaders“ für die „Neudefinition der Fotografie“ gerühmt. Er habe „die Grenzen der Fotografie unermüdlich erweitert“, heißt es: „Schon ein Jahrzehnt vor dem Aufkommen von Handykameras erkannte er die Kraft ungestellter Porträts von LGBTQIA+-Menschen und ihren Gemeinschaften und trug so dazu bei, queeres Leben während der AIDS-Krise zu entstigmatisieren.“ Neuerdings ist Tillmans auch als Komponist tätig und legte 2022 sein erstes Album „Moon in Earthlight“ vor.
Auch die im hessischen Gießen geborene Malerin, Zeichnerin und Performerin Anne Imhof gilt bei TIME als „Führungskraft“. Sie habe mit ihren „langsamen, bass-lastigen Tableaus, die selbst in der heutigen, reizüberfluteten Welt die Aufmerksamkeit fesseln, eine neue Ära der Performancekunst eingeläutet“. 2017 erhielt sie für die Gestaltung des deutschen Pavillons auf der Kunst-Biennale in Venedig den Goldenen Löwen und wird auch in anderen Kunst-Charts ganz vorne platziert.
„Schattenseiten großer Technologiekonzerne“
Der aus Köln stammende Galerist und Mäzen David Zwirner gehört ebenfalls zu den unter „Leaders“ erwähnten prägenden Figuren der Kunstwelt. Er lebt in New York City, seine Galerie gilt dort als Mittelpunkt wichtiger Akteure der zeitgenössischen Kunst.
Unter den „Titanen“ ist der inzwischen 94-jährige Dresdner Maler Gerhard Richter aufgeführt: „Obwohl mehrere prominente Künstler Richter als Vorbild nennen, geht es bei seinem Vermächtnis weniger um einen bestimmten Malstil, als vielmehr um eine Reihe von Überzeugungen: dass Realismus und Abstraktion nebeneinander bestehen können und dass Fotografie sowohl Quelle als auch Gegenstand sein kann.“
Zu den Ikonen gehört laut TIME die gebürtige Münchnerin und international vielfach ausgezeichnete Dokumentar- und Kunstfilmerin Hito Steyerl, weil sie sich nicht scheue, „sich mit den Schattenseiten der großen Technologiekonzerne auseinanderzusetzen“.
Nackte Frauen als menschliche Glocken-Klöppel
Als „inoffizielle Architektin der Kunstwelt“ wird die Kölnerin Annabelle Selldorf genannt: „Ihr minimalistischer Stil ermöglicht es ihr, bestehende Probleme an beliebten Gebäuden zu lösen und die Kunst in den Mittelpunkt zu rücken.“
Auch österreichische Kunst-Promis werden von TIME gewürdigt, darunter der Chef des Metropolitan Museum of Art in New York, Max Hollein, und die Schock-Performerin Florentina Holzinger, beide aus Wien stammend.
Holzinger machte in diesem Jahr bei der Kunstbiennale in Venedig mächtig Furore mit ihrem Werk „Sea World Venice“ im österreichischen Pavillon, wobei sie nackte Frauen stundenlang mit Jetskis im Kreis fahren, in einen Wassertank abtauchen und als lebende Klöppel in einer riesigen Glocke hin- und herschwingen ließ. TIME zeigt sich allerdings wohl mehr vom Publikumsandrang als von der eigentlichen Performance beeindruckt und schrieb ironisch: „In einer Stadt voller Wasser und historischer Gemälde nackter Frauen warteten die Besucher in langen Schlangen, um zu sehen, was es mit dem ganzen Trubel auf sich hatte.“
Auffällig: Unter der Kategorie „Innovatoren“ findet sich kein einziger deutschsprachiger Künstler.

