„Eine Verhandlungsposition ist etwas, von der aus die Parteien einander zuhören können, aber nichts, von der aus jede einen gepanzerten Lautsprecher-Wagen vorfährt, um ihre Forderungen der anderen entgegenzuschreien“, so der in London lehrende russische Politologe Wladimir Pastuchow [externer Link] über jüngste Annäherungsversuche europäischer Politiker an den Kreml: „Putin will keinen Waffenstillstand nach europäischen Bedingungen, sondern den Krieg im Alleingang beenden. Es gibt also nichts zu besprechen.“
„Niemals treffen sich die beiden“
Ähnlich pessimistisch äußern sich viele russische Beobachter, nachdem der finnische Präsident Cai-Göran Alexander Stubb und der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Støre in Moskau angerufen hatten, um bei Putin vorzufühlen, ob es Verständigungsmöglichkeiten gibt. Das Gespräch sei „ohne hitzige Streiterei“ verlaufen, versicherte Støre im Nachhinein. Aus dem Kreml hieß es offiziell [externer Link]: „Wladimir Putin analysierte die aktuelle Lage im Konfliktgebiet in der Ukraine und erinnerte an deren Ursachen.“
Daraus schlossen russische Spötter, dass Putin wohl abermals des Langen und Breiten über die Geschichte der slawischen Völker philosophiert habe. Politikwissenschaftler Georgi Bovt meinte etwa [externer Link]: „Die ‚Ursachen des Konflikts‘ reichen tief in die Geschichte zurück. Bis zu den [zentralasiatischen] Petschenegen und dem Steppenvolk der Polowzer.“
Bovt weiter: „Es ist an der Zeit, sich endlich auch mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber im Ernst, wir erleben in der aktuellen politischen Lage grundverschiedene Auffassungen über die Rolle der Geschichte. So unterschiedlich, dass, um es mit Rudyard Kiplings berühmter Ballade ‚Von Ost und West‘ auszudrücken: ‚Ost ist Ost, und West ist West, und niemals treffen sich die beiden.'“
Propagandist Sergei Markow erläuterte [externer Link] das Weltbild des Kremls so: „Diese Gebiete sind seit tausend Jahren russisches Gebiet. Dies sind die historischen Gebiete Russlands. Und Russland wird nicht zulassen, dass das europäische Besatzungsregime die dortige, über tausend Jahre alte russische Identität zerstört. Putin hat absolut Recht. Und deshalb müssen wir über Geschichte sprechen.“
„Fiktive historische Rachegelüste“
Ein weiterer russischer Kommentator [externer Link] meinte: „Anstatt substanziell über Waffenstillstandsmechanismen, Deeskalation auf dem europäischen Kontinent und Lösungen für drängende humanitäre Probleme zu diskutieren, mussten hochrangige europäische Diplomaten stundenlang archaische geopolitische Analysen aus längst vergangenen Zeiten anhören.“
Sein Fazit: „Dieses Beharren auf der Verbreitung eigener historischer Konstrukte und Mythen inmitten eines andauernden Großkonflikts unterstreicht, dass für den Kreml fiktive historische Rachegelüste und die Umrisse vergangener Jahrhunderte weitaus wertvoller sind als das Leben von Millionen Menschen der Gegenwart.“
„Wandel in der politischen Logik“
Skeptisch zeigte sich auch Politologe Ilja Graschtschenkow [externer Link]: „Es bestehen weiterhin erhebliche Meinungsverschiedenheiten über Territorien, Sicherheitsgarantien und den künftigen militärisch-politischen Status der Ukraine. Daher würde ich nicht von einer bereits sicheren Annäherung an den Frieden sprechen, sondern vielmehr von der Entstehung eines günstigeren diplomatischen Zeitfensters. Nun ist es entscheidend, dass sich dieses Fenster nicht aufgrund neuer politischer Krisen wieder schließt.“

