Bei jemandem, der erst jahrelang für das linksliberale NDR-Politmagazin „Panorama“ tätig war, dann Chefredakteur beim „Spiegel“ wurde (1994-2008) und danach als Herausgeber bei der kämpferisch-konservativen Tageszeitung „Die Welt“ anheuerte (2014-2024), kommt natürlich schnell der Verdacht auf, dass er keine sonderlich stabile politische Weltanschauung hat. Erst sehr links, dann ziemlich rechts – trifft das auf Stefan Aust zu?
„Ich habe meine Position wenig verändert“, sagte er vor ein paar Jahren dem BR: „Das kann man natürlich als stinkend reaktionär betrachten, wenn man sich nicht verändert. Das mag vielleicht sein, aber ich glaube, die Positionen in den Medien, die haben sich sehr stark verändert und die sind lange nicht mehr so kritisch den Regierenden gegenüber, wie wir das damals waren.“
Kritisch ist Stefan Aust zweifellos immer gewesen, schließlich begann er seine journalistische Karriere 1966 bei damals so rebellischen, ja teilweise anarchischen Blättern wie „Konkret“ und den „St. Pauli Nachrichten“. Es war die Ära vor den Studentenunruhen, die 68er-Zeit, die Jahre, in denen Willy Brandt mehr Demokratie wagen wollte und alte Autoritäten nach Meinung der jüngeren Generation abgewirtschaftet hatten.
„Regte Generationen zum Nachdenken an“
Für den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU), der dem „streitbaren Geist“ Aust den diesjährigen Ehrenpreis bei der Verleihung der Buchpreise zuerkannte, prägen den Journalisten Neugier, Beharrlichkeit und Mut zur eigenen Überzeugung [externer Link]: „Ob Terrorismus oder Weltpolitik: Aust dringt mit unverwechselbarer Handschrift zu zentralen Themen unserer Zeit vor und beschreibt Entwicklungen im Gesamtzusammenhang. Damit regt er Generationen zum Nachdenken an. Mit seinem Sachbuch ‚Der Baader-Meinhof-Komplex‘ hat er ein Standardwerk geschaffen, das bis heute die Auseinandersetzung mit der RAF [Rote Armee Fraktion] nachhaltig bestimmt.“
Als Ideologe hat sich Stefan Aust nie gesehen, eher als Aufklärer, was einem Journalisten ja gut ansteht: „Ich bin nicht derjenige, der sehr schnell mit irgendeiner Lösung rüberkommt, sondern ich versuche, wenn ich mich, sagen wir mal, kurze Zeit mit Themen beschäftigen muss, die Sachverhalte so präzise wie es geht zusammenzutragen, aber ich bin da immer vorsichtig.“
„Bin immer wieder an Grenzen gestoßen“
Seine journalistischen Großtaten sind bestens bekannt. Er schrieb nicht nur das erwähnte wegweisende Werk über den Linksterrorismus der 1970er Jahre, sondern auch über den dubiosen und inzwischen 86-jährigen Geheimagenten Werner Mauss. Als TV-Macher recherchierte Aust sehr erfolgreich in bundesdeutschen Affären, etwa als es darum ging, die düstere NS-Vergangenheit des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger aufzuarbeiten (1978) oder die Hintergründe des Todes des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel auszuleuchten (1987).
„Ich bin immer wieder an Grenzen gestoßen und ich habe versucht, diese Grenzen nicht zu überschreiten, nicht zu behaupten, dass ich irgendetwas weiß, was ich nicht weiß oder was ich nicht belegen kann“, so Aust. Natürlich wurde ihm immer wieder vorgeworfen, er mache statt Journalismus Politik und habe versucht, ihm unliebsame politische Karrieren zu beenden, etwa die von Bundeskanzler Gerhard Schröder oder des brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe, dem Stasi-Verstrickungen vorgeworfen wurden.
„Guter Film textet sich von selbst“
„Mir geht es darum, meine Rolle als Journalist nicht überzustrapazieren. Ich führe keine Kampagnen, das ist der entscheidende Punkt“, betont Aust. Rückblickend gesteht er, dass er sich selbst keineswegs als besonders begabten Autor versteht. Beim „Spiegel“ sei er ja auch nicht Kommentator der Zeitläufte, sondern Manager der Redaktion gewesen und habe sich neben seinen anderen Aufgaben vor allem um die verkaufsfördernde Gestaltung der Titelseite gekümmert.
Das Schreiben selbst sei ihm eigentlich stets sehr schwer gefallen: „Das konnte ich nie und ich habe erst hinterher gemerkt, dass ich durchaus in der Lage war, einen Text aufzuschreiben, wenn ich einen konkreten Sachverhalt zu schildern hatte. Da ist mir aufgefallen, dass ich immer gedacht hatte, ich könne nichts schreiben, obwohl ich in Wahrheit nichts zu erzählen hatte. Ein gut geschnittener Film textet sich quasi von selbst und damit hatte ich eine Leitlinie und ich hatte etwas Konkretes zu erzählen. In dem Moment kann ich das auch.“
„Das ist für mich schon das Lebenselixier“
Zu den Hobbys (und Leidenschaften) des Journalisten gehört der Pferdesport. Er lebt an der Elbe nahe Hamburg, seine Heimatregion, zu der er durchaus eine emotionale Bindung hat: „Wir sind ja eigentlich auf der ‚falschen‘ Seite der Elbe aufgewachsen, auf der niedersächsischen Seite. Ich wohne im Haus meines Großvaters, dass ich mir im Laufe der Jahre erobert habe und blicke jeden Tag auf die Elbe und habe auch ein Boot und fahre über die Elbe. Das ist für mich schon das Lebenselixier, das muss ich wirklich sagen.“
Die durchaus abenteuerliche Zeitreise des überzeugten Hanseaten Stefan Aust geht weiter. Mit inzwischen runden 80 Jahren lässt er es aber wohl etwas langsamer angehen als früher. Er mag weltanschaulich umstritten sein, auch wegen seiner kühlen Ausstrahlung, doch seine professionelle und unaufgeregte Neugier ist für alle Berufskollegen in jeder Hinsicht vorbildlich.
Die feierliche Preisverleihung findet am 29. Oktober 2026 in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz statt und wird ab 20.05 Uhr live im Radio auf Bayern 2 übertragen.

