Seit zwei Jahren lebt er in Oberfranken, ein Schritt, der „gut geplant“ gewesen sei, wie Moritz von Uslar verrät. 1.000 Hektar Forst sind es, die er dort im herrlich herbstfarbenen Fichtelgebirge bewirtschaftet und managt.
Im Wald den Sinn des Lebens befragen
In diesem strukturschwachen Winkel Bayerns übt sich also ein vormaliger Feuilletonist und Schriftsteller jetzt, mit 56, in der „Errechnung des Hiebsatzes“. Pflanzt an, mulcht Wege, dirigiert Harvester, sägt und schlägt Holz – und registriert den ein oder anderen „Wipfelbruch“ in den Bäumen.
So erfährt man es zumindest in seinen „Meldungen aus dem Wald“, begonnen als Internet-Tagebuch und mittlerweile zum Buch geworden. Erst Im Wald, so liest man dort zum Beispiel, erst an diesem Ort der „großen Nicht-Ablenkung“, fange man an über den Sinn des eigenen Lebens nachzudenken.
Was natürlich nicht bedeuten soll, dass das friedliche Landleben sorgenfrei wäre. Im Gegenteil: Tannen wollen mittels Schafswolle vor Verbiss geschützt werden und jeden Sommer aufs Neue drohen Borkenkäferplagen im sogenannten Waldbild.
Alles okay mit dem Waldbild?
Ein technischer Begriff aus der Forstwirtschaft, allerdings mit einem poetischen Unterton, wie Uslar feststellt. Und mit einem politischen. Vom Waldbild ist das von Friedrich Merz so prominent angemahnte Stadtbild ja nicht allzu weit entfernt. Im Waldbild sei allerdings alles gut, versichert der Neu-Forstwirt eilig seinem Münchner Besucher – man ist beruhigt.
Das Treffen findet in Moritz von Uslars Arbeitszimmer im 1872 errichteten Jagdschloss Sophienreuth statt, wo ein Großteil seiner „Meldungen“ zwischen Mai 2024 und Mai 2026 entstanden ist. Man kann sie immer wieder auch Mitteilungen über den Zustand der seiner Meinung nach „angezählten und tödlich schwachen Demokratie“ lesen.
Im Prinzip habe er eine „Ein-Mann-Zeitschrift“ herausgegeben, sagt er, zufrieden mit dem spontanen Worteinfall. Und den einzigen Redakteur dieser Zeitschrift beschäftigt vieles: allem voran der unaufhaltsame Aufstieg der AfD und der Niedergang der einst so „stolzen“ Volkspartei SPD, der er seit 2017 angehört.
SPDler Uslar schimpft auf die „Geistlosigkeit“ der SPD
Ihr kontinuierlicher Verfall erscheint ihm „logisch“, sagt er. Außerdem kritisiert er ihre „Geistlosigkeit“, die er vor allem an er Person des Parteivorsitzenden fest machen möchte. Er möge Lars Klingbeil, sagt er arglos, um ihn dann gnadenlos abzuurteilen: „Zu luschig […], da ist zu wenig“. Klare Worte also vom Genossen aus dem „sozialdemokratischen Mutterland Franken“.
Das Ultrasympathische an diesen temporeichen und häufig äußerst komischen „Gegenwartsmitschriften“ ist: Uslar weiß, diese Literatur ist zeitkritisch in dem Sinn, dass sie rasch veralten kann. So wie bei Karl Krausʼ legendärer „Ein-Mann-Zeitschrift“ „Die Fackel“. Deren „helle und schnelle“ Texte erreichen Moritz von Uslar heute nicht mehr – sollte es seinen Texten dereinst genauso ergehen: auch ok. „Kann isch mit leben.“

