Wenn 2022 als das Urknall-Jahr der KI-Revolution gilt – wird 2026 dann als Jahr des KI-Wendepunkts in die Geschichte eingehen, in dem die Menschheit in Scharen an ihr zu zweifeln begonnen hat, zu kritisieren, warnen und lautstark protestieren? Rund vier Jahre nach der Veröffentlichung von ChatGPT darf man deshalb fragen: War’s das jetzt mit der KI-Euphorie? Kommt die Gegenrevolution? Oder sind wir nur an einem Punkt des nüchternen Realitäts-Checks angekommen?
Das sagen Umfragen über die KI-Euphorie der Deutschen
Glaubt man Umfragen und Studien, dann befindet sich ein Teil der Bevölkerung irgendwo dazwischen: Stand Juni 2026 geht die KI-Begeisterung in Deutschland dem Umfrageinstitut Ipsos (externer Link) zufolge zurück. Gleichzeitig empfanden die Deutschen KI 2026 etwas stärker als Gefahr als noch im Jahr zuvor, heißt es in einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom (externer Link).
Auch wenn das Bewusstsein für die Risiken Künstlicher Intelligenz steigt: 69 Prozent der Deutschen sehen sie laut Bitkom immer noch als Chance. Und nur noch 41 statt zuvor 46 Prozent werden mit Blick auf den KI-Einsatz bei Produkten und Services nervös, sagt Ipsos.
Grob zusammengefasst lässt sich das Stimmungsbild vielleicht am ehesten so zusammenfassen: Immer mehr Deutsche kommen mit KI in Berührung und nutzen die Technologie. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für ihre Grenzen. Viele Menschen sind skeptisch und fragen: Wo soll das alles hinführen? In welcher Welt wollen wir eigentlich in Zukunft leben?
Wie im Netz KI und Realität unterscheidbarer werden sollen
Jedenfalls in keiner Zukunft, in der KI unser Leben bestimmt: In den sozialen Netzwerken schimpfen viele längst über KI-Slop – frei übersetzt: KI-generierter Mist in Bild, Text und Video.
Die Plattformen reagieren: YouTube hat unter anderem einige populäre KI-Kanäle gelöscht. Bei TikTok können die Nutzerinnen und Nutzer selbst einstellen, wie viel KI-Inhalte sie zu sehen bekommen. Snap empfiehlt teils keine reinen KI-Videos mehr. Meta kennzeichnet KI-Content auf Instagram und Facebook.
Auch die Europäische Union hat reagiert
Die EU hat den AI Act verabschiedet: Anbieter generativer KI wie ChatGPT, Claude und Gemini müssen ihre Inhalte ab Dezember so kennzeichnen, dass man sie mit den entsprechenden Programmen identifizieren kann.
Dennoch: Die Realität von einer künstlich generierten, aber täuschend echten KI-Fantasie zu unterscheiden, wird immer schwieriger. Denn die KI-Modelle werden immer leistungsstärker. Das verändert auch die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten. Auch sie können vor allem Bild- und Video-Quellen nicht mehr ohne weiteres vertrauen. Bei den derzeitigen Medientagen in München steht das Thema KI deshalb bei vielen Vorträgen und Gesprächen abseits der Bühnen im Mittelpunkt.
Kampf um Ressourcen: Bremst der Widerstand gegen Bauvorhaben die KI-Revolution aus?
Künstliche Intelligenz kann enorm leistungsstark sein. Dafür aber braucht sie Hochleistungs-Rechenzentren. Deren Betrieb kostet eine Menge Strom – und Wasser zur Kühlung der Server. In den USA protestieren bereits viele Menschen gegen den Bau riesiger Rechenzentren, auch in Deutschland regt sich Widerstand.
In Bayern haben Rechenzentren laut dem Borderstep Institut (externer Link) bereits 2025 rund 3,1 Terawattstunden Strom verbraucht, vor allem rund um München und Nürnberg. Mehr als 20 Prozent der Kapazität entfielen auf KI- und Hochleistungsrechenzentren. Das entspricht grob gerechnet 0,6 Terawattstunden im Jahr – also rund 10 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs der Stadt München (externer Link).
Die KI ist angekommen – und entzaubert
Trotz gesellschaftlicher Proteste, rechtlicher Regularien und der großen Ressourcen-Frage dürfte sich der Einsatz von KI kaum noch zurückdrehen lassen. Ob in den Bereichen Medizin, Industrie, Finanzen, Handel, Logistik oder dem digitalen Leben: Künstliche Intelligenz ist in allen Lebensbereichen angekommen.
Ist die Euphorie also vorbei? Soweit es Studien, Einblicke in Unternehmen und gesellschaftliche Tendenzen suggerieren: Jein. Viele visionäre Ideen klingen noch immer euphorisch, gleichzeitig werden die Grenzen der KI immer klarer und viele Menschen schauen ernüchtert auf ihre Möglichkeiten. Ist die KI-Revolution deshalb zu Ende? Kaum vorstellbar.

