Beim Thema Atomkraft-Neustart hört für den neuen Fastenredner der Spaß auf. „Atom. Echt jetzt? Gott im Himmel hilf!“, ruft Stephan Zinner beim traditionellen Politiker-Derblecken auf dem Nockherberg. Und Gott meldet sich – mit weiblicher Stimme. Seit wann ist Gott eine Frau? „Schon immer“, sagt die Stimme. „Wie sonst hätte ich bei dieser depperten, sich selbst zerstörenden Menschheit so lange Gnade walten lassen?“ Aber so langsam reiße ihr die Hutschnur.
Auch Zinner ist – verglichen mit Maximilian Schafroths scharfer Rede im vergangenen Jahr – insgesamt gnädig mit der Politprominenz im Saal. Eine Reihe Spitzen im Wechsel mit ernsten Tönen gibt es aber auch von ihm zu hören. Und trotz des Wunsches der gastgebenden Paulaner-Brauerei nach einer „klassischen Rede ohne Gesangseinlagen“, stimmt auch Zinner mehrfach Lieder an.
„Das große Markusium in Söderistik“
Lange Jahre hatte der Schauspieler und Musiker im Singspiel Markus Söder (CSU) verkörpert und attestiert sich daher selbst besondere Kenntnisse: „Ich hab das große Markusium in Söderistik.“ So erinnert er den Ministerpräsidenten daran, dass er ursprünglich nach zehn Jahren aufhören wollte. Das sei aber noch das „Vorgängermodell“ gewesen, „der alte Markus Söder“ ohne Bart, der noch Bäume umarmt und einen höheren Frauenanteil in der CSU angestrebt habe. „Was ein Bart so alles ausmacht.“
Bundesministerin Dorothee Bär ist für den Fastenredner der zweite „Social-Media-Satellit“ im CSU-Kosmos: „Söder One schwebt weit oben: immer auf Sendung, immer im Mittelpunkt, manchmal näher an der Sonne als an der Realität. Aber dann kommt gleich Doro Bär Two. Und die schwebt plötzlich höher als erwartet.“ Donnernden Applaus bekommt der Ex-Söder-Darsteller, als er von einem Alkohol-Traum erzählt, in dem Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) bayerische Ministerpräsidentin ist.
John Rambo Aiwanger und Kühlschrank-Klingbeil
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) habe gleich bei Amtsantritt den Peißenberger Holzhammer rausgeholt, stichelt der Fastenredner mit Blick auf die Migrationspolitik der Bundesregierung: „Was ist schon EU-Recht, deutsches Verfassungsrecht, Völkerrecht… Das nervt doch auch, wenn man einmal so in Fahrt ist.“
Den Vize-Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger (Freie Wähler) bezeichnet er als „John Rambo aus Rottenburg an der Laaber“. SPD-Chef Lars Klingbeil dagegen habe ein „Charisma wie ein Einbau-Kühlschrank“. Allerdings könne der Kühlschrank „mit seinen Inhalten begeistern“, sagt Zinner. „Da wird’s beim Herrn Klingbeil eng.“ Bei Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze erstaunt den Fastenredner ihre anhaltend gute Laune: „Wenn Optimismus erneuerbar wär – sie könnten ganz Bayern versorgen.“
„Für die schwarze Null produzieren wir Bildungsnullen“
Verärgert zeigt sich Zinner darüber, dass es trotz steigender Schülerzahlen heuer keine zusätzlichen Lehrer in Bayern geben wird. „Klar, der ausgeglichene Haushalt ist wichtiger als die Ausbildung unserer Kinder. (…) Für die schwarze Null produzieren wir Bildungsnullen!“ Statt an Schulen einen „plakativen Schmarrn“ wie einer Hymnen-Pflicht einzuführen, sollte man laut Zinner prüfen, „ob man Eltern-WhatsApp-Gruppen von Helikopter-Eltern nicht auch als Terrorzellen einstufen müsste“. Hinter den Funklöchern in Teilen des Freistaats vermutet er eine Aktion der Staatsregierung zur Stärkung der Tourismus-Branche: „Funklöcher als Ruheoasen.“
Die Herausforderungen der weltpolitischen Lage fasst der Fastenredner in drei Sätzen zusammen: „Ein Wahnsinniger im Osten, ein Wahnsinniger im Westen und wir dazwischen. Wenn die die Po-Backen zusammenkneifen, wird es eng in der Mitte. Da muss muss man, wie meine Tochter sagt, stabil bleiben.“
Politiker voll des Lobes: „Bravo, so geht Fastenpredigt“
Söder, der im vergangenen Jahr von Schafroth besonders viel einstecken musste, lobt Zinners Auftritt als „guten Start“. Mit Blick auf einige Forderungen gelobt er sogar: „Ich werd‘ das jetzt noch mal in mich aufnehmen und vielleicht wird’s besser im neuen Jahr.“ Später fügt er noch hinzu: Der Nockherberg sei dann am stärksten, „wenn er nicht tief moralisch ist“. Voll des Lobes ist auch Familienministerin Ulrike Scharf (CSU): „Bravo, so geht Fastenpredigt“, schwärmt sie. „Im Vergleich zu den letzten Jahren haben wir was erlebt, was der Fastenpredigt auch würdig ist.“
Grünen-Politikerin Schulze sagt, es sei eine gelungene Mischung gewesen: mit Momenten, in denen „man richtig lachen konnte“, aber auch Momenten zum Innehalten. Und Landtagspräsidentin Aigner ist sich nicht sicher, ob Zinners Traum von ihr als Ministerpräsidentin als Kompliment zu verstehen war. „Ich weiß ja nicht, ob es ein Albtraum war.“

