Europa denkt darüber nach, Zölle in Höhe von 93 Milliarden Dollar auf US-Importe zu erheben, falls US-Präsident Donald Trump seine Drohung wahrmacht und Strafzölle gegen einzelne EU-Staaten erhebt, bis den USA der Kauf Grönlands gestattet wird. Betroffen davon wären auch Deutschland und Frankreich. Diskutiert werden in der EU aber auch andere Wege, um Trump zum Einlenken zu bewegen.
Setzt der „Sell America“-Handel die US-Regierung unter Druck?
Der Dollar und die US-Staatsanleihen galten bei Investoren lange als sicherer Hafen. Die US-Devise wird häufig gar als „Weltleitwährung“ bezeichnet, nicht nur weil die Vereinigten Staaten die weltweit größte Volkswirtschaft sind, sondern auch weil Dollar und US-Bonds jederzeit global gehandelt werden können und als krisensicher gelten, beziehungsweise galten. Denn das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der USA scheint zusehends zu schwinden.
An den Börsen wird bereits von einem „Sell America“-Handel gesprochen. Das heißt, Investoren verkaufen im größeren Stil US-Aktien, Dollar und US-Staatsanleihen. Wenn das Interesse an Staatsbonds sinkt, muss eine Regierung für ihre Schulden künftig mehr Zinsen bezahlen, künftige Darlehen der hochverschuldeten Vereinigten Staaten würden also teurer.
Damit würde der politische Spielraum sinken und könnte die US-Regierung zum Einlenken bewegen, so die Überlegung. Schließlich besagt ein altes Sprichwort: „Wer zahlt, schafft an“ – und Europa ist einer der größten Gläubiger der USA.
Taugen Anleihen als politisches Machtinstrument?
So weist unter anderem der Devisenmarktexperte der Deutschen Bank, George Saravelos, darauf hin, dass europäische Länder US-Anleihen und -Aktien im Wert von acht Billionen Dollar besitzen. Angesichts der bevorstehenden US-Zwischenwahlen verfüge die EU über einen gewissen Einfluss. Die US-Regierung konzentriere sich darauf, Inflation und Renditen von Staatsanleihen zu senken und Europa könnte beides beeinflussen, so seine Hoffnung.
Allerdings sind die US-Staaten nach wie vor die weltweit größte Volkswirtschaft. Eine mögliche negative Entwicklung dort hätte natürlich auch Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung anderer Länder, wie Deutschland.
Experten sehen nur begrenzte Möglichkeiten
Professor Volker Wieland vom Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS) der Goethe-Universität Frankfurt am Main bleibt skeptisch. Es gebe weiterhin eine hohe Nachfrage nach US-Bonds von den Weltmärkten und als Währungsreserven. Da habe sich nicht so viel geändert, erklärt der Geldmarktexperte BR24 auf Anfrage. Die EU könne dies unilateral nicht besonders beeinflussen.
Der Chefvolkswirt der BayernLB, Jürgen Michels, verweist zudem darauf, dass viele Bonds von privaten Investoren gehalten werden, von Stiftungen und Pensionsfonds. Diese zum Verkauf von Staatsanleihen über entsprechende Regulatorik zu bewegen, dürfte nicht einfach sein und Zeit brauchen.
Märkte reagieren auf Trump
Den bisher größten negativen Effekt hat nach Ansicht von Wieland Trump mit seinen Zollankündigungen im April 2025 selbst angerichtet. So kam es danach zu einem großen Ausverkauf bei den US-Staatsanleihen. Die Renditen stiegen, während die Aktienkurse an der Wall Street nachgaben.
Doch schon bald drehte sich der Wind wieder. Möglicherweise liegt es daran, dass es dann doch nicht so hart kam, wie von Trump angedroht. An den Börsen hat man dafür auch schon eine Wortschöpfung, den sogenannten „Taco-Effekt“. Taco steht für „Trump always chicken out“, übersetzt: Trump kneift immer.
So steht der Dow Jones in New York deutlich höher als noch vor ein paar Monaten: bei knapp 50.000 Zählern. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen notiert wieder bei 4,22 Prozent, auf dem Niveau des vergangenen Sommers 2025. Und deshalb stellt sich erneut die Frage, ob es wirklich einen „Sell America“-Trend gibt.
Hohe US-Abhängigkeit bleibt – zumindest vorerst
Wieland verweist auf Staaten, die versuchen, zumindest ihre Währungsreserven zu diversifizieren, also die hohen US-Dollar-Bestände zu senken. Als Beispiel nennt er China. Aber der Prozess laufe schon länger und sei nicht abrupt, fügt er hinzu. Und man müsse auf mögliche „Kollateralschäden“ achten, warnt Michels.
Die US-Staatsanleihen seien der Anker der globalen Finanzmärkte und wenn die Bonds ins Rutschen kämen, müsse man durchaus auch mit negativen Auswirkungen in anderen Ländern rechnen: in Asien oder in Südamerika. Eine globale Finanzmarktkrise könnte folgen. Es sei ein Spiel mit dem Feuer und vielleicht sollte man besser auf andere Weise auf die USA Druck ausüben als über US-Bonds, so sein Fazit.

