Costa dankt Lagarde für Verdienste
Über den vorzeitigen Rücktritt habe Lagarde den EZB-Rat sowie den Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa, informiert. Costa dankte Lagarde für ihre Verdienste: „Europa hat von ihrer Führung in unsicheren Zeiten und ihrem unerschütterlichen Engagement für das europäische Projekt sehr profitiert“, erklärte er. „Inmitten einer globalen Pandemie, eines Krieges in Europa, von Energiekrisen und Inflationsschocks hat sie eine beständige und entschlossene Führung gewährleistet und damit dazu beigetragen, die Stabilität und Widerstandsfähigkeit des Euro-Währungsgebiets zu sichern.“
Verfahren für Nachfolge werde noch heute eingeleitet
Um einen reibungslosen Übergang zur nächsten EZB-Führung zu gewährleisten, werde das Verfahren für ihre Nachfolge noch heute eingeleitet, kündigte Costa an.
Die Staats- und Regierungschefs der 21 Eurostaaten sind nun gefordert, die Nachfolge der Französin früher zu regeln. Der Abtritt Lagardes ermöglicht es dem scheidenden französischen Präsidenten Emmanuel Macron und Kanzler Friedrich Merz (CDU), noch vor der Wahl in Frankreich im April 2027 die Neubesetzung eines der wichtigsten Spitzenposten in Europa zu klären.
Klingbeil: Werden zeitnah entscheiden
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) kündigte an, Deutschland werde sein Gewicht als größter Staat im Euroraum einbringen, um eine breit getragene und verantwortungsvolle neue Führungsspitze der EZB zu bilden. „Wir werden gemeinsam im Euroraum die künftige Spitze der EZB beraten und zeitnah entscheiden“.
Außerdem würdigte Klingbeil die Verdienste Lagardes und erklärte, unter ihrer Führung habe die EZB den Euro auch in Krisenzeiten stabil gehalten: „als die Corona-Pandemie Europa hart getroffen hat, als Russland die Ukraine überfallen hat, genauso wie zuletzt angesichts der wirtschaftlichen Erschütterungen durch den Iran-Krieg“.
Wer folgt Lagarde nach?
Für die Lagarde-Nachfolge hatte sich auch Bundesbank-Präsident Joachim Nagel ins Spiel gebracht. Deutschland stellte in der mehr als 25-jährigen Geschichte der Notenbank noch nie die EZB-Spitze. Als Favoriten für die Lagarde-Nachfolge gelten aber der frühere niederländische Zentralbankchef Klaas Knot und der Spanier Pablo Hernández de Cos, der Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ist. EZB-Direktorin Isabel Schnabel, die ebenfalls Interesse an Lagardes Nachfolge angemeldet hatte, wechselt Anfang Januar 2027 zum Internationalen Währungsfonds (IWF) nach Washington.
Als größtes Hindernis für einen Deutschen an der EZB-Spitze gilt, dass bereits die Europäische Kommission von einer Deutschen geführt wird: Ursula von der Leyen. Zwei Deutsche an der Spitze von derart wichtigen Institutionen in Europa – das dürfte im Brüsseler Personalpoker schwer zu vermitteln sein.
Rückzug nicht überraschend
Lagardes Rückzug kommt nicht überraschend. Bereits im Februar 2026 hatte die „Financial Times“ berichtet, Lagarde wolle sich vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich zurückziehen. Hintergrund sind Sorgen, dass eurokritische Rechtspopulisten um Marine Le Pen die Wahlen in der zweitgrößten Euro-Volkswirtschaft gewinnen könnten, was die Neubesetzung der EZB-Spitze erschweren könnte. Macron darf bei der Präsidentschaftswahl nicht erneut antreten. Im September bestätigte Lagarde in einem Interview erstmals selbst Überlegungen, sie könnte bei der EZB „ein paar Monate“ früher abtreten.

