Massenfertigung statt Manufakturarbeit. Für die deutsche Verteidigungsindustrie bedeutet die Zeitenwende nicht nur volle Auftragsbücher, sondern auch einen Strukturwandel. Denn sie muss plötzlich ganz anders produzieren als in der Vergangenheit, nämlich schneller und in höheren Stückzahlen.
Deshalb holen sich Unternehmen wie der Münchener Panzerbauer KNDS Deutschland oder der Augsburger Getriebespezialist Renk Manager aus der Autoindustrie ins Haus, einer Branche, die Erfahrung mit effizienter Produktion hat. Dazu kommen völlig neue Anbieter wie Drohnen-Startups, die mangels eigener Produktionskapazitäten Kooperationen mit traditionsreichen Autozulieferern suchen.
Pistorius sieht widerstandsfähige Vernetzung bei Unternehmen
Mit dieser breiten Aufstellung habe die hiesige Rüstungsbranche inzwischen in Europa eine Vorreiterrolle, sagte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bei einem Besuch des Münchener Drohnenspezialisten Helsing. Er nehme aus vielen Gesprächen mit internationalen Partnern – gerade in den letzten Monaten – immer wieder mit, dass viele dieser Partner Deutschland um diese Mischung beneiden.
Binnen kürzester Zeit sei insbesondere in Bayern eine schlagkräftige und auch zunehmend widerstandsfähige Vernetzung „aus etablierten, traditionsreichen Großunternehmen, leistungsstarkem Mittelstand und einer innovationsfreudigen und sehr dynamischen Startup-Szene“ entstanden, so Pistorius.
Helsing lässt Drohnenantriebe bei Schaeffler produzieren
Helsing-Chef Gundbert Scherf nannte als konkretes Beispiel für diese Vernetzung die Zusammenarbeit mit dem fränkischen Zuliefer-Konzern Schaeffler. Der produziere in seinen Werken wichtige Bauteile für Drohnen, und das in Stückzahlen, die ein Startup wie die gerade einmal fünf Jahre alte Firma Helsing allein gar nicht stemmen könnte. So brauche man allein für Drohnen vom Typ HX-2, die auch in der Ukraine im Einsatz sind, eine Kapazität von tausenden Systemen pro Monat und zehntausenden pro Jahr.
Im Ernstfall müsse man auch in der Lage sein, die Produktion auf hunderttausende von Systemen hochzufahren. Jede dieser Drohnen habe vier Antriebe. Angesichts dieser Mengen sei die Verbindung mit einem Autozulieferer nur logisch, so der Chef von Helsing: „Wenn Sie zu einem solchen Hersteller gehen und sagen: Wir hätten davon gerne zehntausende oder hunderttausende pro Jahr, dann schreckt das dort niemanden ab. Im Gegenteil. Das ist etwas, was die seit Jahren machen und jetzt eben zunehmend für Verteidigung tun können.“
Trotz KI – der Mensch müsse die letzte Entscheidung fällen
Auf eine Feststellung legte Helsing-Chef Scherf bei der Pressekonferenz im Rahmen des Pistorius-Besuchs großen Wert: Auch wenn seine Drohnen mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet seien: Die letzte Entscheidung über den Einsatz und damit Leben und Tod liege nicht bei einer Maschine, sondern bei Menschen.
Das bedeute in einer militärischen Kommandostelle nicht nur, dass dort ein Mensch „irgendwie formal vor einem Bildschirm sitzt, während die KI eigentlich alles macht“, so Scherf. Die KI müsse vielmehr den Menschen unterstützen, indem sie eine Vielzahl von Daten verarbeitet, sortiert und so aufbereitet, dass sich ein menschlicher Soldat wirklich auf seine Kernrolle konzentrieren könne. Und das sei eben, diese schwerwiegenden Entscheidungen aufgrund möglichst umfassender und präziser Informationen zu treffen.
Pistorius auf Tour zu bayerischen Rüstungsfirmen
Für Boris Pistorius war der spätnachmittägliche Besuch bei Helsing nur ein Teil einer ganztägigen Tour durch Bayerns Rüstungsindustrie. Unter anderem besuchte der Verteidigungsminister auch das militärische Flugzeugwerk von Airbus in Manching. Dort informierte er sich über das Thema unbemannte Kampfjets, eine Technologie, bei der Airbus, Helsing und Rheinmetall um einen potentiellen Milliardenauftrag der Bundeswehr konkurrieren. Eine weitere Etappe war der Raketenspezialist MBDA Deutschland in Schrobenhausen. Dort entsteht derzeit die erste europäische Produktionslinie für Patriot-Luftabwehrraketen.

