„Es reicht nicht mehr, ewig über Veränderungen zu reden, jetzt muss das Kultusministerium endlich liefern!“ – Amelie N. aus München, die vor zwei Jahren eine Petition zur Abschaffung von unangekündigten Leistungsnachweisen angestoßen hat, hat auf einer Demonstration vor dem Bayerischen Kultusministerium gemeinsam mit 50 anderen Schülerinnen und Schülern moderne Schulen gefordert.
Sprecher der Kundgebung berichteten von maroden Schulgebäuden, in denen Kakerlaken leben, unbenutzbaren Chemiesälen – und Druck und Angst durch Exen und Ausfragen. Die Petition hatten 57.000 Menschen unterzeichnet, der Bildungsausschuss im Bayerischen Landtag hatte sie abgelehnt – unter Verweis darauf, dass das Kultusministerium ohnehin mit Lehrern, Eltern und Schülern im Gespräch sei, um eine moderne Prüfungskultur auszuarbeiten.
Kultusministerin: Gesunde Leistungskultur
Das Kultusministerium betont, man stehe in einem Dialog mit der Schulfamilie über Prüfungsformen. Es brauche aber eine gesunde Leistungskultur, und dazu könnten auch unangekündigte Leistungsnachweise beitragen.
Tatsächlich können Schulen in Bayern heute selbständig entscheiden, ob sie Tests ankündigen oder nicht. Zahlen, wie viele Schulen Prüfungen ankündigen oder nicht, gibt es nicht. Andere Bundesländer gehen andere Wege: Rheinland-Pfalz etwa hat mit dem laufenden Schuljahr unangekündigte Tests abgeschafft.
Studie: Exen erzeugen Angst
Ein Problem: Es gibt tatsächlich nur sehr wenig Forschung über die Wirkung von unangekündigten Tests auf Schüler. Prof. Ludwig Haag von der Uni Bamberg war an einer Studie mit über 400 Hamburger Schülern aus dem Jahr 2022 beteiligt, die bis jetzt eine der ganz wenigen Untersuchungen zum Thema ist. Er sagt, bei beiden Prüfungsformen hätten die befragten Schüler gleich gelernt – aber unangekündigte Tests führten häufiger zu Angst, und Angst sorge für schlechte Prüfungsleistungen. Das gelte, so Prof. Haag, nicht für alle Schüler – manche kommen gut mit der Situation zurecht, aber sensible Schüler können unter Stress leiden.
Unter Druck lernt sich’s schlechter
Florian Hofmann von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen forscht zur Rolle von Gefühlen im Unterricht. Er sagt, zwar motivieren auch Druck und Angst zum Lernen. „Aber es kann ja nicht das Ziel sein, in der Schule über Ängste zu Leistungen zu kommen“, so Hofmann. Oft werde argumentiert, unangekündigte Leistungsnachweise veranlassten Schüler, kontinuierlich mitzulernen – das ist laut Hofmann falsch. Wichtig sei nur, dass Lehrkräfte den Lernstand regelmäßig erfassen, und das gehe auch mit angekündigten Tests.
Nachgewiesen, so Schulforscher Hofmann, sei aber der positive Effekt von Freude am Lernen. Und da könne man tatsächlich sagen: Unangekündigte Tests sorgen eher für weniger Lernfreude. Denn Wohlbefinden in der Schule entstehe, so Hofmann, durch ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit – und eben die Abwesenheit von Angst. Und es sei nachgewiesen, dass Schüler, die sich in der Schule wohlfühlen, besser lernen und mehr Kompetenzen erwerben.
Viele Schulen kommen längst ohne Exen aus
Ein Beispiel für eine Schule ohne unangekündigte Leistungsnachweise ist das Gymnasium Freiham in München. Die Schule wurde vor sieben Jahren neu gegründet und hat von Anfang an ein pädagogisches Konzept umgesetzt, bei dem Tests angekündigt werden.
Eine große Rolle spielen Lernhäuser, lichte Räume, die viel Platz für Gruppenarbeit, Präsentationen und selbstständiges Arbeiten bieten. Schüler lernen hier viel eigenverantwortlich, die Lehrer begleiten das Lernen und geben Rückmeldung über den Wissensstand. Schulleiter Thomas Schranner sagt, das befreie die Kinder: „Jedes Kind will ja lernen.“ Und ohne den ständigen Notendruck lernten die Schüler an seinem Gymnasium kontinuierlich.

