„Mental Load“, auf Deutsch „mentale Last“, ist eine To-do-Liste, die nie abgearbeitet ist: die Spülmaschine ausräumen, neue Sportschuhe für das ältere Kind besorgen und einen Zahnarzttermin für das jüngere vereinbaren – all das und noch mehr muss man im Kopf haben, damit es nicht vergessen wird. Aus den vielen Aufgaben wird häufig eine Dauerbelastung. Eine Gruppe leidet besonders: Mütter. Laut einer Studie der R+V Versicherung belastet der Spagat zwischen Familie, Arbeit und Alltag (externer Link) 89 Prozent der Frauen.
Dahinter steckt eine Struktur. Jo Lücke, Autorin und Expertin für Sorgearbeit in Wirtschaft und Gesellschaft: „Frauen übernehmen nach wie vor häufiger die Familienorganisation, den Haushalt und die ganzen Fürsorgeaufgaben. Damit landet auch die meiste Denkarbeit bei ihnen – und die Verantwortung.“
„Mental Load“ in Familien: Es trifft beide Geschlechter
Eine ähnliche Belastung kennen auch Männer, doch eher „in Zusammenhang mit Erwerbsarbeit, finanzieller Verantwortung und einem Gefühl von Druck, Probleme lösen zu müssen“, so Lücke. Nach ihrer Einschätzung sinkt die übermäßige Last auf den Schultern der Mütter erst, wenn die Aufgaben gleich verteilt werden unter Eltern und in Sorgegemeinschaften.
Das bestätigt auch der Community-Experte und Moderator Thorsten Bühner. Für ihn ist die Frage nach der „Mental-Load“-Belastung eng mit der Verteilung der Care-Arbeit verbunden. Wo nicht gut aufgeteilt wird, habe einfach eine Person sehr viel Druck und Stress: „Insofern kann das Thema ‚Mental Load‘ beide treffen.“
Stammtisch für gerechte Aufteilung
Bühner setzt sich für eine gleichberechtigte Aufteilung von Carearbeit ein – was
auch der drängendste Wunsch der Befragten der R+-V Versicherung ist. Thorsten Bühner
hat vor zwei Jahren in München den „Equal-Kerl“-Stammtisch ins Leben gerufen. Mit regelmäßigen Treffen werden Männer angesprochen, die zu Hause Gleichberechtigung leben möchten.
Häufig hört Bühner den Satz: „Meine Frau hat mir das empfohlen, deswegen komme ich zum Stammtisch.“ Immer wieder melden sich Männer noch vor der Geburt ihrer Kinder an, auf der Suche nach Informationen und dem Austausch mit Gleichgesinnten.
Das angebliche „Kümmer-Gen“ und andere Stereotype
Die Verteilung von Care-Arbeit wird öffentlich wie im Privaten häufig sehr kontrovers diskutiert. Vom vermeintlichen mütterlichen „Kümmer-Gen“, für das es keine wissenschaftliche Grundlage gibt, bis hin zum Festhalten an Rollenstereotypen steckt in der Diskussion viel Sprengstoff.
Zweifellos hat die Umsetzung von „Equal Care“, also die gleichberechtigte Aufteilung von Sorgearbeit, auch mit der Überwindung von Rollenstereotypen zu tun. Viele Männer und Frauen fallen nach der Geburt ihrer Kinder in ein Verhalten zurück, mit dem sie im Kindes- und Jugendalter sozialisiert wurden: Wurden sie früher vor allem von ihren Müttern betreut, ist es wahrscheinlich, dass sie bereit sind, dieses Modell fortzusetzen, wenn sie selbst Eltern werden.
Rollenbilder werden vorgelebt
Nicht nur die eigene Herkunftsfamilie, sondern auch das, was in Kinderbüchern, Filmen und Serien sowie in der Berichterstattung unter „Familie“ verstanden wird, prägt die eigene Vorstellung von „Wer kümmert sich um was?“. In diesen Erzählungen geht es vor allem ums Mutterglück. „Mental Load“ wird deshalb leicht übersehen.
Wie man aufwachse, präge ebenso wie die persönlichen Vorbilder sehr früh schon die Vorstellung davon, wer in einer Familie für welchen Aufgabenbereich zuständig sei, sagt Lücke. Sie spricht sich für „Unlearn patriarchy“ aus, für die Bereitschaft, festgefahrene Rollenklischees umzulernen.
„Unlearn patriarchy“: Bereitschaft zum Umlernen
Hier könne angesetzt werden, sagt Bühner, der seine Tochter nicht nur morgens zur Schule bringt, sondern auch am Nachmittag wieder abholt. Seine Beobachtung: Viele Väter liefern ihre Kinder in der Früh bei der Einrichtung ab – aber die wenigsten erscheinen nachmittags zur Abholung.
Bühner weist auf die öffentliche Diskussion über zwei Nationalspieler hin, die zeitnah zur Fußball-WM Vater werden beziehungsweise gerade geworden sind: „Der eine muss sich dafür anfeinden lassen, dass er den Wunsch hat, zur Geburt nach Hause zu fahren und mit seiner Frau sein zu können. Der andere hat die Geburt per Facetime verfolgt.“
Erst wenn beide Eltern im Alltag für den gesamten familiären Aufgabenbereich zuständig sind, fühlen sich auch beide dafür verantwortlich – und somit sinkt auch die „Mental-Load“-Belastung von Müttern.

