Den Krebs hinauszögern
Nitsche: Kann man sagen: Krebs gehört eigentlich zum Leben, aber ich kann ihn bis nach meinem Tod verschieben?
Heikenwälder: Das ist eine ganz wichtige Botschaft. Nur indem wir verstehen, dass das ein Prozess ist, verstehen auch junge Menschen, warum sie sich mit dem Thema beschäftigen sollten, auch wenn es sie vielleicht erst in 40 Jahren betrifft.
Nitsche: Aber es macht natürlich auch Angst.
Heikenwälder: Die Angst vor Krebs liegt, glaube ich, nicht nur an der Angst vor dem Sterben. Was wir bei Krebs mindestens genauso fürchten, ist die Therapie, was Chemotherapien und Bestrahlung mit unserem Körper machen. Diese üblen Nebenwirkungen und gleichzeitig diese Ohnmacht, dass man ja oft gar nicht weiß, ob es wirkt. Aber die Krebsmedizin wird immer personalisierter. Ein gezieltes Medikament wirkt besser und hat weniger Nebenwirkungen. Da passiert im Moment sehr viel. Gleichzeitig wäre die Hälfte der Krebserkrankungen heute schon verhinderbar, wenn man nur das Wissen und die Mittel anwenden würde, die wir schon haben. Wir brauchen keine einzige neue Therapie, kein einziges neues Diagnosewerkzeug, um die Hälfte der Krebstodesfälle zu verhindern. Diese Hoffnung auf das Wundermittel, die man oft überall liest, ist, glaube ich, auch ein Problem, warum die Prävention nicht weiterkommt. Die Überlebenschancen werden zwar immer besser, aber die Verantwortung, selbst auf unsere Lebensweise zu achten und zur Vorsorge zu gehen, nimmt uns keiner ab.
Ist ein langes Leben Einstellungssache?
Nitsche: Ist ein langes Leben also Einstellungssache? Oder hängt es vielleicht auch mit Geld zusammen?
Heikenwälder: Es gibt ja sehr viele Menschen, die sich momentan für ein langes Leben interessieren. In dieser Longevity-Szene ist aber ganz, ganz viel dabei, was gar keine Evidenz hat und vielleicht sogar schädlich ist. Mit jedem Supplement oder jedem Pulver, das ich einnehme – was gar nicht sein muss – habe ich erst einmal das Risiko, dass da vielleicht irgendwas dabei ist, das nicht gesund ist. Bei Krebs ist es ja so: Alles, was für normale Zellen gut ist, ist auch gut für Krebszellen.
Nitsche: Was heißt das konkret?
Heikenwälder: Es geht natürlich immer darum, dass man optimal versorgt ist und das Immunsystem funktioniert. Aber es geht auch darum, Wachstumsprozesse nicht unnötig anzukurbeln. Das ist das Problem bei Übergewicht. Zu viel Nahrung, zu viele Wachstumshormone, zu viele Sexualhormone – „Wachstum und Go“ ist einfach ein starker Pro-Aging-Faktor. Die langlebigsten Menschen der Welt, ob auf Okinawa oder Sardinien, zeigen eigentlich alle das gleiche, simple Muster. Sie haben in ihrer Jugend nicht etwa wahnsinnig viel Protein gegessen. Sie essen relativ bescheiden, pflanzenreich, viel Fisch und Geflügel. Sie bewegen sich viel und haben soziale Kontakte, die sie pflegen. Dafür brauche ich nicht viel Teures, das ich mir kaufen muss. Aber natürlich entsteht dann da gleich immer eine sehr große Industrie. Ein gesundes, langes Leben darf auf keinen Fall ein Luxusprodukt sein, das sich nur ein paar Menschen leisten können, die sich damit beschäftigen.
Nitsche: Man hört ja immer wieder Sätze wie: „Er/Sie hat immer geraucht und ist trotzdem so alt geworden!“ Was sagen Sie dazu?
Heikenwälder: Das Rauchen ist ein sehr gutes Beispiel. Die älteste Frau der Welt, die 122 Jahre alt wurde [Jeanne Calment, Anm. d. Redaktion], hat 100 Jahre geraucht. Das ist dann oft der Moment, wo die Leute sagen: Okay, dann ist das mit der ganzen Prävention ja alles nur Quatsch. Sie hatte gute Gene oder einfach nur Glück. Aber: Indem wir uns auf das Rauchen fokussieren, lassen wir all die anderen Dinge unter den Tisch fallen, von denen wir heute wissen, dass sie auch relevant sind für die Krebsentstehung und die Gesundheit. Was sie [Jeanne Calment] immer gesagt hat in Interviews mit Wissenschaftlern und Ärzten, war, wie stolz sie auf ihre nahezu männliche Stärke ist. In einer Zeit, in der es für Frauen verpönt war, Sport zu machen, ist sie Rollschuh gelaufen, geschwommen und auf die Jagd gegangen. Sie hat vermutlich einiges richtig gemacht. Und ja, sie hat geraucht. Allerdings eine Zigarette am Tag, nach dem Mittagessen. Das zeigt: Auch bei ungesunden Dingen spielt das „wie viel“ eine Rolle. Und es gibt epidemiologische Untersuchungen, etwa vom Deutschen Krebsforschungszentrum, die zeigen: Auch wenn man erst mit 80 Jahren aufhört zu rauchen, reduziert das immer noch die Gesamtsterblichkeit.
Nitsche: Ein langes Leben ist zwar schön, aber viele Menschen plagen sich ab 50, 60 auch mit chronischen Erkrankungen herum. Wie verhindert man das?
Heikenwälder: Durch eine gesunde Lebensweise, so früh wie möglich. Wenn man 40 oder 50 ist, dann fragt man sich vielleicht: Naja, ist es jetzt nicht sowieso schon zu spät? Nein! Denn wir altern auch nicht immer gleichmäßig. Das Altern ist keine Uhr, die immer gleich tickt. Das Fatale ist: Das erste Organsystem, das zu altern beginnt, ist das Immunsystem. Der Thymus, das ist so ein wabbeliges Organ oberhalb des Herzens, wo viele unserer Immunzellen ausgebildet werden, schrumpft schon in der Kindheit. Danach nimmt die Menge der abwehrkräftigen Zellen ab. Die halbiert sich alle 16 Jahre. Und das ist der Grund, warum sich das Altern irgendwann in der Mitte des Lebens stark beschleunigt. Doch wenn man dann anfängt, gesund zu leben, hat das trotzdem noch einen sehr, sehr guten Effekt. Man kann sagen: Es ist nie zu spät, gesund zu leben, aber je früher, desto größer der Effekt.
Nitsche: Danke für das Gespräch.

