Die Welt tritt einem UN-Bericht zufolge in ein „Zeitalter des globalen Wasserbankrotts“ ein. Begriffe wie „Wasserknappheit“ oder „Wasserkrise“ spiegelten die Realität an vielen Orten nicht mehr wider, weil sie zeitweilige und potenziell umkehrbare Zustände unterstellen, hieß es von der Universität der Vereinten Nationen in Kanada. Kennzeichnend seien inzwischen aber unumkehrbare Verluste bei Süßwasserreserven.
Menschen leben über ihre Verhältnisse und zahlen kaum zurück
„Dieser Bericht vermittelt eine unbequeme Wahrheit: Viele Regionen leben über ihre hydrologischen Verhältnisse, und viele wichtige Wassersysteme sind bereits bankrott“, sagte Hauptautor Kaveh Madani, Direktor des Instituts für Wasser, Umwelt und Gesundheit der Universität.
Viele Gesellschaften haben dem Bericht zufolge nicht nur ihr jährliches Kontingent an erneuerbarem Wasser aus Flüssen, Böden und Schneedecken überschritten, sondern auch ihre langfristigen Reserven in Grundwasserleitern, Gletschern, Feuchtgebieten und anderen natürlichen Reservoirs aufgebraucht. Letztlich leihe man sich das Wasser nur von der Natur. Man müsse es aber auch wieder zurückgeben. Gerade gebe es die Menschheit häufig gar nicht mehr oder nur in einem wirklich schlechten Zustand zurück.
Landwirtschaft haushaltet besonders schlecht
Dutzende Flüsse fließen in bestimmten Monaten des Jahres nicht mehr bis zum Meer, etwa ein Drittel der Gletschermasse ist seit den 70er-Jahren verloren gegangen. 70 Prozent des weltweiten Süßwassers werden für die Landwirtschaft entnommen, erklärt Madani. Für die Produktion von Nahrungsmitteln. Das führe besonders in Asien zu einem immer größeren Wasserproblem. Denn dort produzieren die Bauern nicht nur für die eigene Bevölkerung, sondern vor allem auch für den globalen Norden.
Millionen Landwirte versuchten, Nahrungsmittel auf Basis schrumpfender, verschmutzter oder verschwindender Wasserquellen zu produzieren, sagte Madani. „Ohne einen raschen Übergang zu wassersparender Landwirtschaft wird sich die Wasserbankrott-Rate rapide ausweiten.“ Dazu kommt, dass laut Bericht bereits 100 Millionen Hektar Anbauflächen durch Versalzung zerstört sind.
Wo ist die Lage besonders kritisch?
Rund drei Viertel der Menschheit leben dem Bericht zufolge in Ländern, die als wasserunsicher oder kritisch wasserunsicher gelten. Zu den besonders betroffenen Regionen gehören demnach der Nahe Osten und Nordafrika, Teile Südasiens und der Südwesten der USA. Die UN-Experten betonen aber auch: „Wasserinsolvenz ist keine Reihe isolierter lokaler Krisen, sondern ein gemeinsames globales Risiko.“ Auch Europa ist wie andere Regionen, die selbst genügend verfügbares Wasser haben, über Handelsströme, Preise und Lieferketten vom Bankrott betroffen.
Für Deutschland zeichnen Fachleute ein differenziertes Bild. Rike Becker vom Imperial College London sagte, Deutschland nutze nur einen vergleichsweise kleinen Teil seines Wassers. Deutschland habe generell mehr Wasser auf der Habenseite, wenn man die Mittelwerte als Maßstab nimmt. Gerade regional gibt es aber große Unterschiede. Brandenburg zum Beispiel gilt als trockene Region, und die Situation kann sich in langen Trockenperioden auch auf ganz Deutschland ausweiten.
Deutsche verbrauchen das meiste Wasser im Ausland
Eine viel größere Rolle spielt aber, was wir konsumieren. Indirekt verbrauchen Menschen in Deutschland mehr als 80 Prozent Wasser im Ausland, vor allem in Indien, Pakistan und Ägypten, weil wir Lebensmittel oder Kleidung von dort kaufen, die viel Wasser in der Produktion brauchen und zum Teil noch verschmutzen.
Jörg Dietrich von der Universität Hannover ergänzt, dass es in Deutschland lokal zu Engpässen kommen könne, etwa bei extremer Trockenheit oder durch Nitratbelastung des Grundwassers. Ein Versagen der Wasserversorgung sei aber meist noch reversibel.
Insolvenz als Neuanfang
Die UN-Experten betonen auch, dass es sich noch lohnt, etwas zu ändern. „Eine Insolvenz zu erklären bedeutet nicht, aufzugeben – es bedeutet, neu anzufangen“, erklärt Madani. Indem der globale Wasserbankrott anerkannt werde, könnten endlich schwierige Entscheidungen getroffen werden. „Je länger wir zögern, desto größer wird das Defizit.“
„Wir können verschwundene Gletscher nicht wiederherstellen oder stark verdichtete Grundwasserleiter wieder auffüllen“, so Madani. „Aber wir können den weiteren Verlust unseres verbleibenden Naturkapitals verhindern und Institutionen neu gestalten, um innerhalb neuer Wassergrenzen zu leben.“ Das bedeute vor allem weitere irreversible Schäden wie den Verlust von Feuchtgebieten, Grundwasserverarmung und Verschmutzung zu verhindern. Es gebe ein weites Spektrum an nachhaltigen Optionen, die es zu fördern und umzusetzen gelte.
Mit Informationen von dpa, Janina Schreiber, ARD Klimaredaktion und Giselle Ucar, ARD New York

