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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wissen > „15 Jahre vertan“: So langwierig ist der Weg für ADHS-Patienten
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„15 Jahre vertan“: So langwierig ist der Weg für ADHS-Patienten

Michael Farber
Zuletzt aktualisert 1. März 2026 17:49
Von Michael Farber
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5 min. Lesezeit
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Petra ist 63 Jahre alt und lebt in Landsberg. Fünfzehn Jahre lang war sie schwer depressiv. Erst seit rund zwei Jahren weiß sie: Ein Grund dafür ist ihre Aufmerksamkeitsdefizitstörung, die nicht behandelt wurde. „Als ich die Diagnose bekam, bin ich erst mal in Tränen ausgebrochen, weil ich mir gedacht habe, was hätte ich mir eigentlich ersparen können?“ So viele Jahre seien vertan. „Wenn diese ADHS schon vorher diagnostiziert worden wäre, wäre ich gar nicht in die Depression gekommen“, vermutet Petra.

Inhaltsübersicht
Ein langer Weg zur ADHS-DiagnostikAnstieg an ADHS-Diagnosen auch in BayernSpezielle ADHS-Sprechstunden für Erwachsene mit langen WartezeitenKomplexes Störungsbild – komplexe DiagnostikGesundheitsministerium: Psychiater, Psychologen und Hausärzte zuständigHausärzte als erste Ansprechpartner

Seit 2009 war Petra immer wieder mehrere Wochen wegen ihrer Depression in der Klinik. Sie probierte verschiedene Medikamente aus, Therapie mit Ketamin. Sogar Elektrokonvulsionstherapie machte sie – also durch elektrische Reize im Gehirn ausgelöste Krampfanfälle unter Vollnarkose. Doch nichts half langfristig.

Ein langer Weg zur ADHS-Diagnostik

Im Alter von 61 Jahren – als sie es nach rund 15 Jahren in Behandlung immer noch nicht schaffte, ihren Tag zu strukturieren – regte eine ambulante Therapeutin eine ADHS-Diagnostik an. Petra musste unter anderem ihre alten Schulzeugnisse zu ihrer Psychiaterin mitbringen.

„Als ich meine Zeugnisse gelesen habe, war ich mir ziemlich sicher, dass es ADHS ist. Die Ärztin hat das dann auch bestätigt“, erklärt die Landsbergerin. Jetzt kann sie passgenauere Medikamente nehmen und eine entsprechende Therapie machen. Seitdem geht es ihr schon viel besser.

Anstieg an ADHS-Diagnosen auch in Bayern

Jedes Jahr zwischen 2014 und 2024 wurden durchschnittlich 14 Prozent mehr ADHS-Diagnosen gestellt, so eine aktuelle Analyse [externer Link] von Krankenkassendaten, die im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurde. Vor allem während der Corona-Zeit ließ sich in Bayern ein besonders großer Anstieg der Diagnosen beobachten: um ein Drittel, so das bayerische Landesamt für Gesundheit.

Derzeit sind rund 160.000 Menschen in Bayern wegen ADHS in Behandlung. Der Anstieg der Diagnosen wird auch darauf zurückgeführt, dass viele, die schon seit Kindesalter Symptome haben, erst im Erwachsenenalter eine Diagnose bekommen. So wie Petra.

Spezielle ADHS-Sprechstunden für Erwachsene mit langen Wartezeiten

Doch der Diagnose-Prozess kann dauern – in speziellen ADHS-Sprechstunden für Erwachsene an bayerischen Unikliniken etwa. In Würzburg können derzeit laut Homepage keine neuen Patienten aufgenommen werden.

An der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) fragen derzeit täglich 25 bis 30 Menschen an, aber es können nur ein bis zwei Patienten pro Woche aufgenommen werden, so die Klinik auf Anfrage von BR24. Im Nürnberger Klinikum ist nach Anmeldung mit Wartezeiten von aktuell vier bis acht Monaten zu rechnen.

Komplexes Störungsbild – komplexe Diagnostik

Dass ADHS häufig nicht oder spät erkannt wird und es teils monatelange Wartezeiten für die Diagnostik gibt, liegt auch am komplizierten Störungsbild, erklärt der Professor für Allgemeinmedizin an der LMU, Jochen Gensichen.

Zum anderen sei die Diagnostik sehr aufwendig. „Das scheut viele Kollegen, das zu machen, weil es so zeitaufwendig ist“, so Gensichen. Zur Diagnostik gehören dem Experten zufolge unter anderem mehrere Interviews sowie Verhaltensbeobachtungen, Kognitionstests und die Analyse von Schulunterlagen.

Gesundheitsministerium: Psychiater, Psychologen und Hausärzte zuständig

ADHS-Diagnostik ist als Kernleistung dem Fachgebiet der Psychiatrie zuzuordnen. Dort entspreche die Versorgungslage bei Erwachsenen zwar überwiegend den bundesweiten Vorgaben. Aber: Diese bundesweiten Kriterien sollten laut bayerischem Gesundheitsministerium reformiert werden – zum Beispiel im Bereich der Psychotherapie, wo es zu längeren Wartezeiten kommt.

Auch spezialisierte Psychologen können ADHS-Diagnostik durchführen. Auch Hausärzte können Menschen bei potenzieller ADHS-Diagnose unterstützen.

Hausärzte als erste Ansprechpartner

Gensichen kritisiert, dass es für Hausärzte kaum Empfehlungen für den Umgang mit ADHS im Erwachsenenalter gibt, obwohl sie oft der erste Ansprechpartner sind. Deswegen startete er ein Pilotprojekt [externer Link], um die Hausärzte mithilfe von speziellen Handbüchern zu sensibilisieren.

„Unsere Forschung in der Allgemeinmedizin soll Hausärzten helfen, mit einem sicheren Instrument der Einschätzung (ADHS) schneller zu erkennen und zu behandeln, mit kleinen Übungen, die man sofort starten kann“, so der Allgemeinmediziner. Noch wurde das Konzept nicht flächendeckend erprobt, jedoch wurden schon vielversprechende Ergebnisse gezeigt.

 

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Von Michael Farber
Michael Farber ist ein erfahrener Journalist, der das Ressort Wissen der WirtschaftsRundschau leitet. Mit seiner Expertise in Wissenschaft und Technologie berichtet er über die neuesten Entwicklungen und Entdeckungen und bietet den Lesern spannende Einblicke in komplexe Themen.
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