Nach den Schlussakkorden des Stücks – Stille … und dann stehende Ovationen. Es scheint fast so, als wäre, bis auf einige sehr wenige, das Publikum froh, dass dieses Stück dunkler Erlanger Geschichte endlich auf diese Weise erzählt wird. Mehr als 45 Jahre nach dem antisemitischen Doppelmord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke. Mit einem Stück, das viele Fragen aufwirft, das an die Opfer angemessen erinnern und aufklären will. Das Stellung bezieht. Das ermahnt – nicht wie damals – auf dem rechten Auge blind zu sein.
Regional verankert, aber relevant über Franken hinaus
Entwickelt haben das Theaterstück Regisseur Matthias Köhler und Dramaturgin Nathalie Baudy. Sie hat an dem Thema gereizt, dass es zwar regional verankert ist, aber weit über die Grenzen Frankens hinausreicht. „Die Wehrsportgruppe Hoffmann, aus deren Reihen der Täter Uwe Behrendt stammt, hatte zu der Zeit Verbindungen bis in den Libanon und war extrem vernetzt in rechtsextremen Kreisen“, so Baudy.
„Aber inhaltlich geht es über diesen Fall hinaus. Aspekte wie die Einzeltäter-These oder auch, dass Presse und die Polizei erstmal im privaten Umfeld des Mordopfers geforscht haben: Das sind ja Dinge, die sich wiederholt haben, die wir auch aus viel jüngeren Fällen kennen.“
Das Motiv des Einzeltäters
Baudy und Köhler haben intensiv recherchiert, haben Zeitzeugenberichte und originale Reden Shlomo Lewins eingebaut, standen in intensivem Austausch mit Experten wie dem Buchautoren und Journalisten Ulrich Chaussy. Gerade bei den Opfern, betont Matthias Köhler, lag ihr Fokus darauf, dokumentarisch zu arbeiten.
Die von ihnen erfundenen Teile sind dagegen eher spielerisch angelegt: „Wo wir durchaus auch in eine Zuspitzung, in eine Überhöhung gehen, um die Absurdität und die Grotesken dieses Falls sichtbar und spürbar zu machen“, so Köhler. Etwa bei dem vermeintlichen Doppelmörder, dem rechtsextremen Uwe Behrendt.
Sein „Chef“ und Freund Karl-Heinz Hoffmann, der Gründer der Wehrsportgruppe, sagte schließlich aus, Behrendt habe den Doppelmord allein begangen. Die Justiz folgt seiner Argumentation – obwohl viele Indizien gegen die Freundin Hoffmanns, Franziska Birkmann, sprachen. Behrendt wird nie zur Verantwortung gezogen, er soll im Libanon 1981 Selbstmord begangen haben.
Auf der Bühne sitzt Behrendt in einer Badewanne und redet sich selbst die Einzeltäterschaft ein – unterstützt von einem Chor: „Es war einmal ein Einzeltäter … ganz allein … ganz allein … ganz ganz, ganz allein. Er hatte keine Hilfe, keine Mittäter, keine Anstifter, keine Beihilfe, nein.“
Schnee als Metapher für rechte Ideologien
Das fünfköpfige Ensemble beeindruckt durch ein scheinbar müheloses Wechseln der Rollen. Es bespielt die dunkle Bühne, auf der nur eine Laterne steht, mit Spielfreude und Präzision. Begleitet wird es das ganze Stück über von leise rieselndem Kunstschnee. „Der Schnee war für uns eine mögliche Metapher für rechte Ideologien“, erklärt Natalie Baudy, „die sich aufs Land senken und die man vielleicht erst gar nicht so bemerkt, die leise sind, die vielleicht auch gar nicht erst liegen bleiben. Aber die dann eine ganz schöne Schicht bilden können, etwas unter sich begraben können und die zu einem ziemlichen Matsch werden können.“
Die gefeierte Uraufführung „Brauner Schnee über Franken“ am Schauspiel Erlangen – ein Dokumentartheaterstück über den Doppelmord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke, das lange nachhallt. Zu sehen ist es im Erlanger Markgrafentheater.

