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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wissen > Erinnerungspolitischer Turn: Kein Gulag-Museum mehr in Moskau
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Erinnerungspolitischer Turn: Kein Gulag-Museum mehr in Moskau

Michael Farber
Zuletzt aktualisert 3. März 2026 15:47
Von Michael Farber
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4 min. Lesezeit
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In Zeiten, in denen in Russland hier und da wieder Denkmäler für Stalin aufgestellt werden, ist für die Massenmörderei unter seiner Herrschaft kein Raum mehr. Und so wird aus dem Moskauer Gulag-Museum jetzt ein „Museum des Genozids am sowjetischen Volk“. Im Fokus: Die Verbrechen der Nazis. Die Eröffnung ist denn auch für den 22. Juni geplant, den Tag des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion.

Inhaltsübersicht
Erinnerung nur in eine RichtungEigene Verbrechen ausgeblendetErinnerung als Legitimation des KriegesWas geschieht mit den Exponaten?

23 Jahre konnte das „Staatliche Museum der Geschichte des Gulag“ in Moskau sowjetische Unterdrückung, Gewalt und Versklavung aufrollen. 2021 wurde es mit dem Museumspreis des Europarats ausgezeichnet. Doch dann überfiel Russland die Ukraine und ein Museum, das sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt, war nicht mehr erwünscht. 2024 musste das Gulag-Museum schließen, offiziell wegen Brandschutzproblemen. In diesem Jahr wird das Museum im Juni wiedereröffnet – jedoch mit einer ganz anderen Schau.

Erinnerung nur in eine Richtung

„Die Erinnerung an Repressionen passt nicht mehr in die Politik der Russischen Föderation,“ sagt Kyrill Martynow, Chefredakteur der Zeitung Nowaja Gazeta Ewropa, der derzeit in Riga im Exil lebt. „Das ist einerseits ziemlich vorhersehbar, andererseits ist das eine existenzielle Herausforderung.“

Der Staat wolle nun auch die Erinnerung diktieren, so Martynow. Er entziehe sich jeder Verantwortung für die Verbrechen in der Vergangenheit und Erinnerung gäbe es fortan nur in eine Richtung: „Russland ist ein herrlicher Staat, der immer auf der Seite des Guten war, im Zweiten Weltkrieg gesiegt hat, und auf der anderen Seite gibt es böse, ausländische Mächte, die dem russischen Volk schaden wollen.“

Eigene Verbrechen ausgeblendet

Maßgeschneiderte Geschichte, in der weder an die ethnischen Vertreibungen und Säuberungen unter Stalin erinnert werden soll, noch an die 20 Millionen Menschen, die durch die Hölle des Gulags gingen. Auch die sowjetischen Kriegsverbrechen verschwinden wieder unter einem Pakt des Schweigens.

Kyrill Martynow erinnert zum Beispiel an das Massaker von Katyn, wo 1940 etwa 4.400 polnische Gefangene, größtenteils Offiziere, auf Befehl Stalins erschossen wurden: „Die Sowjetunion hat versucht, das zu vertuschen und setzte die Lüge in die Welt, dass die polnischen Offiziere von Nazis erschossen wurden. Im Konzept eines Genozids am sowjetischen Volk hat Katyn natürlich keinen Platz.“

Erinnerung als Legitimation des Krieges

Die Stoßrichtung der Neuausrichtung des Museums liegt auf der Hand: Es wird eine propagandistische Schau, eine Vitrine der Gräueltäten der Faschisten und ihrer nationalistischen Helfer in den baltischen Staaten und der Ukraine. Keineswegs zum Zwecke der Aufklärung. Vielmehr soll hier der Angriff auf die Ukraine, den Putin als einen Krieg gegen Faschisten ausgibt, ideologisch unterfüttert und historisch geheiligt werden: Schaut her, so grausam ist unser Feind!

Dafür spricht auch die Personalpolitik des Museums: Direktorin wird Natalja Kalaschnikowa, eine Veteranin des fortlaufenden Krieges in der Ukraine, ausgezeichnet mit lauter Putin-Orden. „Das ist kein Museum der Vergangenheit, vielmehr ein Museum der Zukunft,“ so Kyrill Martynow. „Es zeigt, dass der Staat den Grundstein dafür legt, weiterhin Verbrechen zu begehen. Ein echtes Gulag-Museum kann es in einem Staat, in dem Aleksej Nawalny in Haft ermordet wird, nicht geben.“

Was geschieht mit den Exponaten?

Die Exponate und Dokumente des Gulag-Museums, mühevoll über zwei Jahrzehnte zusammengetragen, gehen in den Besitz des russischen Staates über. Deshalb, so sagt es die neue Museumsdirektorin, „drohe ihnen nichts.“ Was aber sollte einen Staat, der sie verschwinden lässt, aufhalten, sie zu vernichten?

 

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Von Michael Farber
Michael Farber ist ein erfahrener Journalist, der das Ressort Wissen der WirtschaftsRundschau leitet. Mit seiner Expertise in Wissenschaft und Technologie berichtet er über die neuesten Entwicklungen und Entdeckungen und bietet den Lesern spannende Einblicke in komplexe Themen.
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