Ganz weg war Frankenstein nie. Wir reden neben Dracula und Godzilla immerhin vom einflussreichsten Monster der Kulturgeschichte. Aber aktuell boomt die 200 Jahre alte Geschichte des Wissenschaftlers, der ein Monster erschafft, wieder besonders. Gleich dreimal wurden die Leichenteile auf die ein oder andere Weise auf der Kinoleinwand neu zusammengeflickt. Zum Beispiel im neuen Film “The Bride!“.
„The Bride!“ als Remake von Frankensteins Braut
„The Bride!“ ist ein Remake von “Frankensteins Braut“ aus den 1930ern. Regisseurin Maggie Gyllenhaal legt den Fokus hier auf die feministischen Botschaften der Frankenstein-Autorin Mary Shelley. Im Film taucht sie deshalb immer wieder als Erzählerin auf. Und Frankensteins Braut wird vom Nebencharakter – in den 30ern hatte sie nur zwei Minuten Screentime – zur Hauptfigur.
Jessie Buckley und Christian Bale brillieren
„The Bride!“ glänzt vor allem mit seiner Besetzung: zum Beispiel mit Jessie Buckley. Buckley, die mit „Hamnet“ in diesem Jahr die Favoritin für den Oscar ist, sehen wir in einer Doppelrolle: als Frankensteins Braut und als Romanautorin Mary Shelley, die in Visionen immer wieder mit der Braut in Kontakt tritt – einer Figur, die in ihrem Buch nie zum Leben erwachen darf. Und Buckley darf ihr großes Talent voll ausleben: den Körper, ja selbst die Zunge, auf unnatürliche Art und Weise verbiegen.
Christian Bale verkörpert dagegen Frankensteins Original-Monster. Gut 100 Jahre nach seiner Erschaffung und dem Tod seines Schöpfers wandelt das Monster einsam durch Amerika. Frank, so nennt er sich, geht jeden Abend ins Kino, aber kennt alle Filme auswendig. Also sucht er eine verrückte Wissenschaftlerin auf, die ihm eine Frau machen soll. Auf dem Friedhof graben sie die Leiche von Jessie Buckley aus – und die Braut ist geboren!
Die Handlung in „The Bride!“ fehlt – macht nichts
Die Stärke von “The Bride!“ liegt nicht unbedingt in der Handlung: Frank und die Braut erleben eine ziemlich unlogische Bonnie-und-Clyde-Story ohne wirklichen Spannungsbogen. Stark ist der Film aber als Plädoyer für Selbstbestimmung. Und zwar für beide Geschlechter! Die Braut kämpft gegen Rape-Culture, Frank gegen die negativen Auswirkungen toxischer Männlichkeit.
Und die beiden Monster können die Missstände der Gesellschaft unbeschwert anprangern, weil sie nicht mehr dazugehören. „Das Leben ist hier und kommt zu euch durch die Monster“, rufen sie.
Der Kampf um Selbstbestimmung als Frankenstein-Motiv
Der Kampf um Selbstbestimmung in einer verrückten Gesellschaft, er ist bei allen aktuellen Frankenstein-Adaptionen wichtig: Guillermo del Toros “Frankenstein“, die große Netflix-Oscar-Hoffnung, zeigt das am Beispiel des Monsters, das dem Willen seines Schöpfers entfliehen will!
Auch in “Poor Things“ von Giorgios Lanthimos kämpft Emma Stone als Frankenstein-artige Kreation vor allem um Selbstbestimmung gegen die Herrschaft der Männer. Und in “The Bride“ tritt Jessie Buckley nun eine Revolution los, in der es ebenfalls gegen die Herrschaft des Patriarchats geht. An der in diesem Film alle Geschlechter leiden.
Diese Braut sagt: „Nein!“
„Nein“-Sagen, das ist Frankensteins Braut hier besonders wichtig. Ein Film zur rechten Zeit, denn das “Nein“-sagen wird aktuell in vielen Bereichen schwerer. Nehmen wir das Rollback beim Abtreibungsrecht – da gilt das „Nein“ zum Baby plötzlich nicht mehr. Und Männer sollen ihre körperliche Selbstbestimmung zum Beispiel im Krieg aufgeben. “That’s the way it is“, sagt US-Präsident Trump zum Tod amerikanischer Soldaten im Iran.
Aber wieso eigentlich? Diese Logik hat Mary Shelley schon im Jahr 1816 herausgefordert, als Frau ein Buch geschrieben hat: Und das tun auch die Hauptfiguren in “The Bride!“, die die Nase voll haben vom Status quo.

