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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Horrorkindheit“: Missbrauchsaufarbeitung im Kinderheim Willmars
Kultur

„Horrorkindheit“: Missbrauchsaufarbeitung im Kinderheim Willmars

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 6. März 2026 14:48
Von Uta Schröder
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3 min. Lesezeit
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Hermann Ammon beschreibt seine Zeit als Kind im evangelischen Kinderheim „Nicolhaus“ im unterfränkischen Landkreis Rhön-Grabfeld in Willmars in den 1960er Jahren als „Horrorkindheit“. Er sei damals wegen Kleinigkeiten sanktioniert worden, schilderte er dem Bayerischen Rundfunk bereits 2024. „Der Betreuer hat mich an den Haaren in sein Büro reingezerrt, und bevor er uns zusammengeschlagen hat, mussten wir uns splitternackt ausziehen“, erinnert sich Ammon.

Inhaltsübersicht
Klima der Angst, Gewalt und GrausamkeitSeit 1884 gibt es ein Kinderheim in WillmarsUnterschiedliche Zuständigkeiten erschweren Aufarbeitung

Klima der Angst, Gewalt und Grausamkeit

Das evangelische Kinderheim in der Rhön war für zahlreiche Betroffene ein Ort des Schreckens und der Gewalt. Ehemalige Heimkinder hätten bereits 2012 öffentlich von körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt berichtet. Später meldeten sich weitere Betroffene und erzählten von einem Klima der Angst, Gewalt und Grausamkeit, das in dem Kinderheim an der ehemaligen Zonengrenze herrschte. Die Fälle von sexualisierter und körperlicher Gewalt in Willmars werden jetzt an der Ludwig-Maximilians-Universität München wissenschaftlich aufgearbeitet, unter der Leitung des evangelischen Kirchenhistorikers Christopher Spehr.

In den kommenden zwei Jahren werden Interviews mit Betroffenen geführt, außerdem soll Archivmaterial ausgewertet werden. Es geht um einen Zeitraum von den 1950ern bis in die 1980er Jahre hinein. 14 Jahre nach dem ersten Bekanntwerden von Gewalt gegen Kinder soll die Untersuchung nun die einzelnen Fälle von Missbrauch sowie die dahinterliegenden Strukturen kritisch, konsequent und unabhängig aufarbeiten, heißt es seitens der LMU München.

Seit 1884 gibt es ein Kinderheim in Willmars

Ein evangelisches Kinderheim existiert in Willmars bereits seit 1884. Seit 1901 befindet es sich am heutigen Standort „Nicolhaus“. 1979 übernahm der „Diakonieverein Willmars“ die Trägerschaft. Das Kinderheim nahm Waisenkinder und Kinder aus als damals problematisch bewerteten Familienverhältnissen auf. Heute leben dort 48 Kinder und Jugendliche.

Weil Hermann Ammon die Ereignisse damals schon so sehr belasteten, vertraute er sich einem Pfarrer an. 2024 schilderte er dem BR, wie ihm dieser daraufhin eine Ohrfeige verpasste. „Ich bin gegen die Wand gefallen, habe mich am Kopf aufgeschlagen und dann hat er mich beschimpft als unverschämten Lümmel“, schilderte Hermann Ammon. Als er damals nach einem Krankenhausaufenthalt ins Kinderheim zurückkehrt, gibt es einen neuen Einrichtungsleiter. Die Situation wird schlagartig besser. Trotzdem habe die Gewalt seelisch und körperlich Spuren hinterlassen, sagt Ammon.

Aus der Akte des Diakons, der in Willmars Kinder misshandelt und sexuell missbraucht haben soll, geht hervor, dass dieser häufig seine Stelle gewechselt hat. Schon in seiner Ausbildung soll der Mann übergriffig geworden sein. Trotzdem arbeitete er danach weiterhin mit Kindern und Jugendlichen.

Unterschiedliche Zuständigkeiten erschweren Aufarbeitung

2015 hat die bayerische Landeskirche einen Betroffenen aus Willmars als Missbrauchsopfer anerkannt. Doch insgesamt wurden die Übergriffe in dem Heim bisher nicht aufgearbeitet. Grund dafür sind offenbar, dass unterschiedliche Träger für Heim und Personal zuständig waren.

Finanziert wird die nun angestoßene Studie an der LMU München von der Evangelischen Landeskirche Bayern, dem Diakonischen Werk Bayern, dem Diakonieverein Willmars und der Diakoniegemeinschaft Stephansstift in Hannover.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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