Alkoholmissbrauch ist nun wirklich kein Komödienstoff, auch wenn zum Beispiel in den Stücken von William Shakespeare gern unmäßig und demonstrativ gebechert wird. In der Renaissance wurde der Suff vom damaligen Jahrmarkts-Publikum offenbar noch nicht als soziales Problem, sondern als Stimmungsaufheller wahrgenommen. Heute ist es bekanntlich anders, aber dennoch schaffte es der dänische Regisseur Thomas Vinterberg vor ein paar Jahren mit seinem preisgekrönten Film “ Der Rausch“ (Druk) dem Alkohol eine tragikomische Satire zu widmen.
Dort geht es um eine wissenschaftlich völlig unbelegte Theorie des norwegischen Psychiaters Finn Skårderud, der seinen Patienten empfiehlt, ständig einen Blutalkoholgehalt von 0,5 Promille einzuhalten, um angebliche biologische Defizite auszugleichen und besser durchs Leben zu kommen. Aus dieser wahren Begebenheit machte Vinterberg eine Groteske, die am Münchener Metropoltheater jetzt in einer Theaterfassung zu erleben ist.
„Wir brauchen echte Begegnungen“
Regisseur und Theaterchef Jochen Schölch: „Es sind vier Lehrer, Menschen in Funktionen, die sich nicht mehr wirklich einander öffnen, und damit ist ihre Freundschaft, die sogenannte Freundschaft, quasi völlig verkommen und oberflächlich. Durch den Alkohol – was nicht heißen soll, dass man ihn dafür braucht, aber sie können es halt nicht anders – gibt es wieder echte Begegnungen. Diese echten Begegnungen, die brauchen wir dringender als alles andere.“
Den vier Lehrern geht es mit dem Saufen zunächst ziemlich gut, sie werden locker, lässig und beschwingt, doch mit dem steigenden Konsum kommen die Kopfschmerzen im eigentlichen und im übertragenen Sinn: „Um Weihnachten herum wird ja getrunken wie wahnsinnig, und dann wird der trockene Januar gemacht“, so Schölch: „Das ist so ein großes Thema, und im Moment geht’s ja so viel um Verdrängen und Eskapismus. Deswegen ist dieses Thema, glaube ich, in der Gesellschaft gerade sehr aktuell.“
„So etwas wie eine Entlastungsfunktion“
Schölch stellte als sein eigener Bühnenbildner die Spielfläche des Metropoltheaters mit Schnapsflaschen voll und lässt seine vier Lehrer lockere Trinksprüche klopfen wie „Lieber fünf vor 12 als keins nach eins“ oder auch „Lieber nachschenken statt nachdenken“. Es wird gelacht, es wird Absinth gemixt, aber in Wahrheit nicht, um gute Laune zu bekommen, sondern um Ängste zu unterdrücken.
„Die Realität wird so komplex und so schwierig zu durchschauen und ist eigentlich auch nicht zu verarbeiten, dass man irgendwie Wege sucht, um sich Inseln zu schaffen und das nicht alles an sich ranzulassen“, meint der Regisseur: „Das ist ja so etwas wie eine Entlastungsfunktion, die wir als Menschen ja brauchen.“
„Vereinsamung ist ein ganz großes Problem“
Alle hier gezeigten Pädagogen fürchten sich vor dem Leben und ihren Schülern, haben kaputte oder angeknackste Beziehungen, trauen sich selbst nichts mehr zu. Alkohol ist dabei garantiert die falsche Lösung, aber er ist eben sehr verführerisch, wie hier zu erleben ist. Sogar der ein oder andere stressgeplagte Schüler wird mit einem Schluck aus der Flasche fit gemacht für die Abschlussprüfung.
Das kann nicht gut gehen, am Ende ist einer tot und alle anderen trinken deutlich mäßiger. Die wenig überraschende Botschaft: Glück kommt niemals mit dem Saufen, sondern immer mit menschlicher Nähe und Aufrichtigkeit, wozu Mut gehört, den man sich grundsätzlich nicht antrinken kann.
„Ich halte die Vereinsamung für eines der größten Probleme in dieser Gesellschaft“, so Jochen Schölch: „Einsamkeit ist tatsächlich ein ganz großes Problem, über das viel zu wenig gesprochen wird.“
Das Ende ist bittersüß
Eine Inszenierung ganz ohne Zeigefinger, die kein Therapieersatz sein kann und will. Viele Menschen scheitern an ihrem eigenen Selbstbild, schaffen es ohne Droge nicht mehr, ihren teils absurden Glückserwartungen zu entsprechen. Die vermeintlich perfekten Partnerschaften, die reibungslosen Karrieren, die tollen Freundschaften erweisen sich als oberflächlich, entleert und frustrierend. Liebe wäre eine Lösung, aber die erfordert mehr Tapferkeit, als diese Männer aufbringen können. Oder doch nicht? Das Ende jedenfalls ist bittersüß. Es wird getanzt und gesungen und na ja, angestoßen auch.
Termine bis 10. Januar im Metropoltheater München.

