Mit den Autos ist es ja auch so: Das eine Modell sieht stylisch und modern aus, das andere etwas angejahrt und bieder, aber unter der Karosserie, erfährt der Kunde, sind sie mehr oder weniger baugleich. So ähnlich ist es auch mit den Romanen von US-Bestseller-Autor Dan Brown und deutschen Klassikern von E.T.A. Hoffmann, Jean Paul oder Joseph von Eichendorff. Letztlich füllen sie alle ein paar hundert Seiten mit so romantischem wie unterhaltsamen Hokuspokus, gern gewürzt mit scheinbar übersinnlichen Erscheinungen, Kloster-Mysterien und Familiengeheimnissen, um dann auf der Zielgeraden alles mit ein paar Sätzen in Wohlgefallen aufzulösen.
Mythen in verwirrender Dichte
Immerhin: „Sakrileg“, wie der Verschwörungs-Thriller „Da Vinci Code“ in der deutschen Ausgabe heißt, soll sich seit dem Erscheinen 2003 rund 80 Millionen Mal verkauft haben, auch der Film mit der Musik von Hans Zimmer war sehr erfolgreich. Es gibt ganz offenkundig ein Publikum, das an religiösen Mythen aller Zeiten und Erdteile sehr interessiert ist, sogar in verwirrender Dichte. Und das bei Dan Brown zentrale Gedankenspiel, Jesus habe Maria Magdalena geheiratet und mit ihr Nachkommen gezeugt, ist zweifellos auch für viele nicht nur ein genetisches Faszinosum. Genug Grund also, eine Theater-Tourneeproduktion auf die Reise zu schicken. Anfang März startete sie in der Jahrhunderthalle in Frankfurt und macht jetzt für zwei Wochen im Deutschen Theater in München Station.
Regisseur Christoph Drewitz kam die undankbare Aufgabe zu, sich durch die gut 600 Roman-Seiten zu kämpfen und die Handlung auf zwei Theater-Stunden zu verdichten, was naturgemäß mit viel Text verbunden ist – zu viel Text. Die Dialoge nehmen kein Ende, weil sie unfassbar viel Inhalt ausbreiten müssen: buchstäblich von Adam und Eva bis heute. Die Kunstgeschichte ächzt schwer unter den pseudowissenschaftlichen Informationen, die Mathematik auch, und Kryptologie und Symbolik werden zu einer wirren Melange angerührt, die jedenfalls beim Zuhören gar nicht mundet, mit und ohne „Fibonacci-Folge“.
Zehn Minuten für ein Bankschließfach
Das Schauspiel erinnert teils an die gemütlichen Zeiten von Miss Marple – der Earl Grey Tee mit Zitronenscheiben fehlt nicht – teils an die „Ah! Nein! Doch!“-Schwänke von Louis de Funes. Das Ganze hat Julius von Maldeghem mit dräuendem Mittelalter-Sound unterlegt, immer wieder dürfen dazu ein paar schwarze Mönche ihre Kutten schwenken und Unheil ankündigen. So richtig in Fahrt kommt der Theater-Thriller leider nicht.
Bei der Premiere musste Hannes Levianto als Chef-Symbolist und Mythen-Ermittler Robert Langdon anfangs mit technischen Problemen kämpfen und seine ersten Sätze zwei Mal sprechen: An keiner anderen Stelle war das Publikum so gebannt, wie das so ist bei Pannen aller Art. Es zeigte aber auch, was der Produktion fehlt: Humor und beherzte Eingriffe in die Romanhandlung. Nicht jede Bildbeschreibung von der Mona Lisa bis zum Letzten Abendmahl wäre in dieser Breite nötig gewesen, und dass geschlagene zehn Minuten vergehen, bis endlich ein Bankschließfach geöffnet ist, wäre auch verzichtbar gewesen.
Verschwörungs-Slapstick
Dabei machten die Darsteller das Beste draus und mühten sich redlich, nicht in die Satire abzugleiten, obwohl gerade Bösewicht Silvio Römer diesbezüglich in ständiger Gefahr schwebte. Als Geißler muss er sich blutüberströmt im härenem Gewand von Szene zu Szene schleppen, ohne freilich der hier verteufelten katholischen Organisation Opus Dei eine echte Hilfe zu sein. Das war fast Verschwörungs-Slapstick, so mühselig, wie die Peitsche in Gang gesetzt wurde.
Klar, eine Tourneeproduktion, die in großen Hallen gastiert, kann nicht so psychologisch ausgefeilt sein wie ein Kammerspiel, aber für eine Dan-Brown-Show ist eindeutig zu wenig optische Opulenz geboten und für ein Theaterstück zu wenig Spannung.
Bis 3. Mai 2026 im Deutschen Theater München.

