Schon mit den ersten Tönen des wuchtigen, düsteren Eröffnungstitels „Shush“ stürzt sie sich mitten hinein in eine epische Fabel. „In Times of Dragons“ (externer Link) ist eine Geschichte, die wie so oft in Tori Amos‘ Werken mit Metaphern arbeitet, und sich in den folgenden 75 Minuten dem Thema widmet, das sie seit rund einem Jahr nicht mehr loslässt: dem Verfall von Demokratie und feministischen Werten in den USA.
Eine der Hauptrollen im Plot ihres neuen Albums spielt Tori Amos selbst: In der Geschichte ist sie mit einem Tech-Milliardär verheiratet, der Dinge sagt wie: „Ich glaube nicht, dass Demokratie und Freiheit noch miteinander vereinbar sind.“ Er ist der „Eidechsen-Dämon“, eine Figur, die aus verschiedenen Personen zusammengesetzt ist, die in den USA gerade den Systemumbau vorantreiben.
Kämpferisch wie immer
Ganz unrealistisch ist das Szenario nicht: Sie hätte in den 90ern durchaus Angebote gehabt, in die Kreise der Mächtigen einzuheiraten, sagt Tori Amos. Stattdessen ist sie Künstlerin geblieben, mit klarer Haltung und wachem Blick. In „Shush“ singt sie: „Wo ist das Mädchen, das ‚Silent All These Years‘ geschrieben hat?“ – jenen Song, mit dem sie 1991 ihren Durchbruch hatte. Und so hält sie mit ihren Waffen dagegen: Empathie, Gemeinschaft und der Kraft der Musik.
„In Times of Dragons“ wird selten konkret, wie in der „Ode to Minnesota“, die auf die ICE‑Einsätze gegen Immigranten Bezug nimmt, sondern spannt einen weiten Bogen. Collagenhaft sammelt Tori Amos Material für einen Gegenentwurf zur rechten Ideologie: Sie folgt einer lesbischen Motorradgang in „Gasoline Girls“, preist die Freiheit der frühen Feministin Fanny Faudrey und geht sogar zur Heiligen Teresa von Avila zurück. Und immer brechen in den Songs irgendwann Tori Amos‘ einzigartige Melodien durch und geben Hoffnung in der Düsternis.
Songs für die Freiheit
Die Geschichte von „In Times of Dragons“ endet mit der Verwandlung Tori Amos‘ zur Drachenkönigin im Song „23 Peaks“: Einem Geniestreich, der, so sagt sie, im Licht der untergehenden Sommersonne bei einem Glas Burgunder spontan am Keyboard passierte, und der von Fans im Netz schon jetzt als einer ihrer besten Titel gefeiert wird.
„In Times of Dragons“ ist ein ebenso kämpferisches wie betörendes Werk, mit dem die inzwischen 63-jährige Tori Amos nicht im Traum daran denkt, es sich und anderen bequem zu machen.
Bayern 2 präsentiert das Konzert von Tori Amos am 10. Mai im Circus Krone in München. Stand Montagvormittag, 4.5., gibt es noch wenige Restkarten.

