Der vergangene Freitag war ein Feiertag. In weiten Teilen Deutschlands wurde nicht gearbeitet, auch in vielen Industriebetrieben standen die Anlagen still. Gleichzeitig lieferten Sonne und Wind viel Strom. Die Folge: Der Börsenstrompreis sank zeitweise so stark, dass er ins Minus rutschte. Anbieter mussten am Großhandelsmarkt also dafür zahlen, dass ihnen ihr Strom abgenommen wurde.
Wie kann das sein? Strom muss im Moment seiner Erzeugung verbraucht, gespeichert oder abgeregelt werden. Wenn sehr viel Strom angeboten wird, aber nur wenig Nachfrage da ist, kann der Preis negativ werden. Am 1. Mai ging es nach Einschätzung von Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE bis nahe an die Grenze von minus 500 Euro pro Megawattstunde. Noch habe der Markt funktioniert: „Jede Kilowattstunde hat einen Abnehmer gefunden“, so der Energieexperte im BR-Interview.
Das eigentliche Problem: Strom zur falschen Zeit
Für Haushalte bedeutet ein negativer Börsenpreis nicht automatisch, dass auch ihre Stromrechnung sinkt. Die meisten zahlen feste Tarife. Außerdem besteht der Endkundenpreis auch aus Netzentgelten, Steuern, Abgaben und Vertriebskosten. Negative Strompreise zeigen zudem ein Grundproblem der Energiewende: Strom fällt zunehmend wetterabhängig an – und nicht immer dann, wenn er gebraucht wird. Mittags liefern Solaranlagen besonders viel Strom. Abends, wenn die Sonne weg ist und die Nachfrage steigt, kann die Lage anders aussehen.
Speicher könnten Energie aus Überschussstunden in spätere Phasen verschieben. Genau daran hakt es noch. Zwar kommt der Ausbau voran: Nach Angaben der Bundesnetzagentur waren im Oktober 2025 Batteriegroßspeicher mit rund 2,4 Gigawatt Leistung und 3,2 Gigawattstunden nutzbarer Kapazität in Betrieb; weitere Anlagen waren geplant. Gleichzeitig wächst der Bedarf, weil die Stromerzeugung aus Photovoltaik deutlich zunimmt.
Leonhard Gandhi spricht von einer „neuen Phase der Energiewende“. Die erste Phase sei der Ausbau erneuerbarer Energien gewesen. Jetzt gehe es um Flexibilität: Batteriespeicher, dynamische Tarife, flexible Nachfrage und Lastverschiebung in der Industrie.
Auch bei den Netzen hakt es
Es mangelt aber nicht nur an Speicherkapazitäten. Auch die Netze müssen immer mehr dezentral erzeugten Strom aufnehmen und dorthin bringen, wo er gebraucht wird. Der Netzausbau kommt voran: Die Bundesnetzagentur meldete für 2025 rund 2.000 Kilometer genehmigte Stromleitungen. Insgesamt liegt der gesetzlich festgelegte Ausbaubedarf aber bei rund 16.800 Kilometern.
Hinzu kommen Hürden beim Anschluss neuer Speicher. Fraunhofer-Experte Gandhi sieht viel Interesse am Markt, aber Verbesserungsbedarf bei Genehmigungen, Netzanschlüssen und Investitionssicherheit. Wenn Strom nicht gespeichert, transportiert oder flexibel verbraucht werden kann, wird er in Überschussstunden zum Problem. Dann entstehen negative Preise – oder Anlagen müssen heruntergeregelt werden. Eigentlich, sagt Gandhi, solle dieser Strom „nicht abgeregelt, sondern gespeichert und genutzt werden“.

